Tobias Prüwer | Drucken01.05.2012 

Provinzarschgeige, lesenswert

Darf und kann man heute Heidegger lesen? Unbedingt, meinen Alain Badiou und Barbara Cassin

Obschon der letzte linke Student alles richtig macht, ist er verwirrt. Denn: Seine Selbstidentischkeit nützt ihm nichts. Es geht ihm also wie Heidegger. Außer’m Wesen nichts gewesen. […] Das Einfache ist nicht einfach. Weil es nicht einfach zu haben ist. Es muss durch das Nadelöhr der Theorie. […] Daher: muss das Einfache schwer gemacht werden. Durch schwere Sprache. Nur so kann man sich das Einfache erarbeiten. Das wusste schon Adorno.
Jörg Sundermeier: „Erschwert“

Um keine Missverständnisse aufkommen zu lassen: Ja, Heidegger war mindestens Mitläufer-Nazi, wahrscheinlich sogar mehr. Daran gibt es nichts zu rütteln oder rechtfertigen, wie das seine Apologeten gern tun und taten. Und zudem war er Chauvi, der jedem Rock nachjagte – und viele bekam, während das Heimchen am Herd seine Korrekturen versah. Und trotzdem kann man seine Schriften mit Gewinn lesen.

„Der Fall Heidegger“ hält an, auch wenn die Erregungswellen längst abgeschwächt sind. Nach einigen eher gedankenlosen, auf der politischen Fährte spürenden Publikationen, die Autor und Werk nicht zu trennen wissen, hat auch das ebenso gedankenverlorene Verehrertum nachgelassen. Mit ein bisschen mehr Gelassenheit in der Causa Martin Heidegger sollte man sich seinem Werk so nähern, wie es in der anglophonen Philosophie schon viel länger geschieht. Ja, man sollte trotz Heidegger, trotz seines speichelleckenden Duckmäusertums, seiner Selbstgefälligkeit und seiner inszenierten Avantgarde lesen und diskutieren. In seinen Schriften stecken – gewiss nicht nur – zu viele bemerkenswerte Gedanke,n als dass man sie auf den Müllhaufen der Geschichte werfen sollte. Sei es das Hintergehen des Leib-Seele-Dualismus, bei dem er mit geschicktem Move Descartes aushebelt, oder sein Versuch, den Menschen ohne die Überhöhungen der Subjektphilosophie zu denken. Nicht zu vergessen ist die Technikkritik: Als erster Philosoph nimmt er das Technische ernst, durchdenkt es, nicht ohne seine Gefahren zu entdecken. Und die hieran geknüpfte Wissenschaftskritik ist auch nicht zu verachten.

Heidegger zu lesen empfehlen in kleinem, feinen Bändchen auch zwei AutorInnen. Unaufgeregt, abwägend und genau hinschauend widmet sich der sich zwischen Alain Badiou und Barbara Cassin abspielende Dialog Heideggers Denken, schlägt nichts aus und zeigt aber, dass diesem der NS nicht inhärent ist. Ja, so lautet die Antwort, obwohl Heidegger eine Provinzarschgeige war. In Unterhaltung über seine Korrespondenzen verständigen sie sich über sein Verhältnis zur Politik und wie man mit seinem Denken – und darüber hinaus – das Politische denken kann. Die beiden geben kluge Denkanstöße; und wer diesen nicht folgen mag, kann Heidegger ja nach der Lektüre noch immer einen toten alten Mann sein lassen.

Alain Badiou & Barbara Cassin:

Heidegger. Der Nationalsozialismus, die Frauen, die Philosophie

Diaphanes

Zürich 2011

64 S. – 8 Euro

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