Fabian Stiepert | Drucken26.06.2012 

Auf den Lehrplan damit!

„Make Love“ klärt eine Generation auf, die meint, schon alles gesehen zu haben

In der Laufbahn eines jeden Schülers wird irgendwann Sexualkunde gelehrt. Häufig beginnt dies in den späten Grundschuljahren und setzt sich in der achten bis zehnten Klasse je nach Lehrplan noch einmal fort. Im Laufe der vergangenen zehn Jahre ist jedoch eine Generation herangewachsen, die sich gar nicht mehr der Aufklärung bedürftig fühlt. Wieso über Sexualität sprechen, wenn doch über das Internet und seine einschlägigen Portale der Zugang zu allen Spielarten der menschlichen Sexualität gegeben ist? Wen interessieren dann noch anatomische und biologische Begleiterscheinungen, wenn doch alles klar ersichtlich und frei von Zensur einsehbar ist?

Das Aufklärungsbuch Make Love von Ann-Marlene Henning und Tina Bremer-Olszewski versucht einen klaren Kontrapunkt zu dieser Entwicklung zu setzen. Die Autorinnen sind sich dabei natürlich völlig bewusst, dass ihre jüngeren Leser mit Sicherheit schon Pornographie gesehen haben. Eben darum wird hier gründlich aufgeräumt mit den ganzen Fakes der Pornoindustrie, die mit ihren Spermafontänen und der Schwerkraft trotzenden, niemals hängenden Silikonbrüsten schlichtweg ein völlig falsches Idealbild von ausgelebter Sexualität vermittelt.

Kurzum: Die diversen Praktiken sind den Jugendlichen heutzutage klar, aber viele Fragen bleiben trotzdem offen. Wie erlernen wir Begehren und Erregung? Wie finden wir zu unserer sexuellen Identität? Wie werden wir von unseren Hormonen gesteuert und wo liegen diesbezüglich die Unterschiede zwischen Mann und Frau? Was passiert mit uns beim Orgasmus? Allesamt wichtige Fragen, die das Buch einfühlsam, aber zugleich locker und unverkrampft beantwortet. Jugendliche werden das Buch eben wegen seines lockeren, aber niemals ankumpelnden Tonfalls mögen, zumal die beiden Autorinnen ihre jüngeren Leser in ihrer pubertären Gefühlswelt ernst nehmen.

Und wieso sollte man das Buch als älterer Leser zur Hand nehmen, der gar nicht mehr so sehr von (spät-)pubertären Gefühlstaumeln geplagt wird? Diese Frage lässt sich mit einer Floskel beantworten: Man lernt nie aus. Es gibt hier mit Sicherheit für so ziemlich jeden noch etwas zu lernen, inklusive einer Menge Anregungen. So gesehen ist der Titel des Buches natürlich absolut programmatisch und Make Love nicht nur als eine aufwendig gemachte Infobroschüre oder ein Lebensratgeber zu verstehen. Das edle Ziel von Make Love ist es, dass Partner, aber auch Eltern und ihre Kinder offen über Sexualität sprechen können, ohne Angst, Scham oder Zurückweisung.

Aber nicht nur sprachlich und inhaltlich besticht das Buch. Die Gestaltung ist bunt und die äußerst informativen Infotabellen und Diagramme sind übersichtlich designt. Das größte Lob auf der gestalterischen Ebene gebührt allerdings der Fotografin Heji Shin, die Paare jeglicher sexueller Ausrichtung in ihrer größtmöglichen Intimität abgelichtet hat. So sieht man verliebte Blicke, innigen Körperkontakt, aber natürlich auch absolut explizite Bilder vom Liebesakt an sich. Trotzdem wirken die Bilder niemals pornographisch, zeigen sie doch Menschen, die zwar attraktiv sind, aber optisch keiner pornoindustriellen Norm nachkommen.

Make Love ist ein lange überfälliges und wichtiges Buch, das das Zeug zum Standardwerk für diese und kommende Generationen hat. Ein modernes Aufklärungsbuch für Menschen aller Altersklassen mit tollen Texten, schönen Fotos und einer klaren Intention. Komisch, dass da vorher noch keiner drauf gekommen ist.

Ann-Marlene Henning & Tina Bremer-Olszewski:
Make Love – Ein Aufkärungsbuch

mit Fotos von Heji Shin

Rogner und Bernhard

Berlin 2012

256 S. – 22,95 Euro


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