Fabian Stiepert | Drucken01.08.2012 

Keine Wahl, nur die Qual

Die Trilogie „Shades of Grey“ verkauft sich wie geschnitten Brot. Warum nur? Ein paar Randbemerkungen zum Erscheinen des ersten Bandes in Deutschland

Für die, die nicht wissen, worum es geht: Die unbedarfte, jungfräuliche und etwas mauerblümchenhafte Literaturstudentin Anastasie Steele lernt auf Umwegen den Millionär Christian Grey kennen, der so ziemlich alles kann, inklusive Klavierspielen und den eigenen Privatjet fliegen. Selbstverständlich verlieben sich die beiden prompt. Die Ausgangsvoraussetzungen sind ideal, wäre da nicht die sadomasochistische Veranlagung des Traummanns, der für die Spiele in der Kammer der Qualen einen genauestens ausformulierten, wenn auch nicht rechtsgültigen Vertrag benötigt.

Das F-Wort kommt auf Seite 111 das erste mal vor, jedoch in absolut lachhaft verschämter Weise. Im Verlauf des Romans wird das Ganze auch nicht besser. Man könnte glatt denken, die Autorin hätte jedes mal kleinmädchenhaft gekichert, wenn sie das Wort getippt hat.

Das ganze ist völlig unbeholfen geschrieben. Nicht umsonst geisterte die Story zuvor als Fanfiction zur Twilightserie durchs Internet, bevor es millionenfach über die Ladentheke ging. Immerhin: Der offen erkennbare Dilettantismus macht es zu einer einigermassen sympathischen Lektüre. Das unemanzipierte Frauenbild, welches im Rahmen dieser Schmonzette zum Tragen kommt, ist allerdings durchaus kritisch zu sehen. Immerhin weiß die Protagonistin am Ende des ersten Bandes den Verlust ihrer Unabhängigkeit ansatzweise zu hinterfragen.

Keine Erotik. Nirgends. Die zum Skandal gepushten Sexszenen werden zwar detailliert ausexerziert, bleiben aber meistens im Rahmen der konsensfähigen Blümchensexromantik, auch wenn Mr. Grey immer wieder beteuert, mit Blümchensex so gar nichts anfangen zu können. Sobald es also verrucht wird, gerät das Buch zu einer peinlichen Farce, was wohl vor allem mit dem völlig misslungenen Genremix aus Chick-Lit, Erotikroman und verspäteter Coming-of-Age-Story zu tun hat.

Als Mann kann man nur schwer beurteilen, welcher Nerv beim anderen Geschlecht mit diesen Büchern genau getroffen wurde. Die Soziologin Eva Illouz sieht in der Vertragsverhandlung von Anastasia und Christian ein Model für neue Beziehungsmuster, das einen klaren Gegenentwurf zur sonstigen Unsicherheit unter Pärchen darstellt. Ob dem wirklich so ist, wird sich nur schwer nachweisen lassen. Gilt es doch in den meisten Fällen, stillschweigende Diskretion über gemeinsame SM-Praktiken zu bewahren.

Welche Frau lässt sich heutzutage noch gern „Baby“ nennen? Neben der ganzen Küchenpsychologie, der ständigen an Productplacement erinnernden Nennung von Markennamen und dem nicht wirklich funktionierenden Willen zur Provokation nervt am meisten dieser antiquierte Chauvinismus. Vielleicht kommt ja bald das Gegenstück von einer anderen Autorin, in der eine Frau unerbittlich die Reitgerte schwingt. Wäre das nicht was für Sie, Frau Roche?

E.L. James: Shades of Grey

Band 1: Geheimes Verlangen

Aus dem Englischen von Andrea Brandl, Sonja Hauser

Goldmann Verlag

München 2012

602 Seiten – 12,99 Euro

Fortsetzung:

Im August und Oktober folgen Band 2 und 3: Gefährliche Liebe und Befreite Lust.


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