Fabian Stiepert | Drucken09.12.2016 

Man bedenke, was man schenke

Kaum etwas wird zu Weihnachten so häufig verschenkt wie Bücher. Almanach-Autor Fabian Stiepert weiß, welche Bücher sich gut unterm Tannenbaum machen

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Christian Kracht – Die Toten

Christian Kracht ist und bleibt ein Enfant terrible des deutschsprachigen Literaturbetriebs. Nach der großen Debatte rund um die politische Gesinnung des Autors im Jahr 2012, als sein Kolonialismus-Roman Imperium erschienen war, ging es bei Christian Krachts aktueller Veröffentlichung darum, ob die Literaturkritik nicht zu handzahm geworden ist. Denis Scheck lobte Die Toten im Gespräch mit dem Autor in den imposanten Hollywood-Hills über den grünen Klee und Ijoma Mangold ging für die Zeit mit Kracht in Zürich schick essen. Hat die Homestory etwa die konzise Literaturkritik abgelöst? Diese Frage kann man gerne so im Raum stehen lassen. Krachts Roman rund um die internationale Filmindustrie im Jahr 1933 ist zumindest ein gelungenes Stück Prosa. Sprachlich zeitweise natürlich wieder unerträglich manieriert und mit Formulierungen aus dem Schmuckkästchen, dafür immerhin pointiert und kurzweilig. Wer sich auch nur ein wenig für Filmgeschichte interessiert, der wird an diesem Buch trotz seiner offensichtlichen Schwächen seine helle Freude haben.

Christian Kracht: Die Toten

Erschienen bei Kiepenheuer und Witsch

224 Seiten, 20 Euro


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David Wagner – Ein Zimmer im Hotel & Sich verlieben hilft

Wer den Alltag liebt, der liebt auch David Wagner. Nach seinen beiden letzten grandiosen Romanen Vier Äpfel und Leben legt er bei Rowohlt nun ein kleines, aber mehr als feines Büchlein über das Reisen und im Besonderen über das Übernachten in Hotels vor. So lernen wir, dass in den besseren Hotels immer ein Bleistift anstelle eines Kugelschreibers auf dem Sekretär herumliegt und dass man in einem Hildesheimer Kloster-Hotel auch einfach mal keinen Zutritt erhält, weil die Uhren dort anders ticken. Anhand der Schilderungen der verschiedenen Interieurs lebt Wagner nicht einfach nur seinen Dingfetischismus aus. Nein, er zeigt uns, wie bunt die Welt sein kann in den Hotelzimmern von Dresden bis Peking und von München bis Paris. So ein im wahrsten Sinne welthaltiges und zugleich räumlich so eingegrenztes Buch mache ihm erstmal einer nach. Wer wissen will, welchen Lektüren und TV-Serien David Wagner unter anderem auch auf Hotelzimmern nachgegangen ist, dem sei sein ebenfalls dieses Jahr erschienenes Buch Sich verlieben hilft zusätzlich empfohlen.

David Wagner: Sich verlieben hilft

Erschienen im Verbrecher-Verlag

160 Seiten, 19 Euro


David Wagner: Ein Zimmer im Hotel

Erschienen bei Rowohlt

128 Seiten, 18,95 Euro


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Brigitte Kronauer – Der Scheik von Aachen

Brigitte Kronauer ist ohne Frage eine große Stilistin. Trotzdem ist es bis heute schwierig, ihre Bücher einem Publikum außerhalb literaturkritischer und germanistischer Zirkel schmackhaft zu machen. So gut wie jeder Kenner des Kronauer’schen Werks – egal wie gebildet – wird sich eingestehen müssen, die eine oder andere Anspielung dieser Autorin nicht verstanden zu haben. Umso kurioser ist es nun, dass Brigitte Kronauer in ihrem neuesten Roman mit dem ulkigen Titel Der Scheik von Aachen auf solche Mätzchen größtenteils verzichtet. Die angenehm simple Handlung sollte wirklich jeder nach Beendigung der rund 400 Seiten nacherzählen können. Anita Jannemann heißt die Antiheldin dieses Romans, die sich Hals über Kopf in den Hobby-Bergsteiger Mario verliebt hat und extra ihren Job an der Züricher Universität aufgegeben hat, um in ihrer Heimatstadt Aachen dem umschwärmten Mario näher sein zu können. Das erzählerisch Irrwitzige leistet der Roman darin, dass Mario nur in den Berichten von Anita wirklich eine Rolle spielt, in der Handlung per se kommt er hingegen niemals vor. Kein Wunder, dass Tante Emmi, der Anita regelmäßig Besuche zum Kaffeeklatsch abstattet, irgendwann entnervt ausruft: „Du liebst Mario gar nicht!“.

Zugegeben ist auch Der Scheik von Aachen kein schnell weggelesener Pageturner. Dafür aber ein genial orchestrierter Erzählungsreigen über das, was Liebe und Trauer mit uns anstellen können. Ohne jeden Zweifel einer der überraschendsten und besten Romane dieses Jahres.

Brigitte Kronauer: Der Scheik von Aachen

Erschienen bei Klett-Cotta

400 Seiten, 22,95 Euro


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A. F. Th. van der Heijden – Das Biest

Die Niederlande waren das Gastland auf der diesjährigen Frankfurter Buchmesse. Einer der prominentesten Autoren dieses kleinen Landes ist Adrianus Franciscus Theodorus van der Heijden. Während van der Heijden sonst eher gigantische Epen wie Die zahnlose Zeit verfasst, so fällt Das Biest eher kompakt aus. Tante Tiny oder auch Tientje Putz ist die Heldin dieser kurzweiligen Charakterstudie aus Holland. Tientje Putz – der Name verrät es bereits – ist in der Familie ihres Neffen Albert nie ohne ihr gelbes, zum Säubern sofort gezücktes Staubtuch anzutreffen. Was es damit bloß auf sich hat und wieso Tiny so schrecklich garstig sein kann, das enthüllt der Roman raffiniert, spannend und unterhaltsam. Gleichzeitig ist Das Biest auch ein Sittengemälde der verknöcherten Sexualmoral der späten 1960er Jahre, in dem eine Szene sogar an Grass’ Blechtrommel erinnert (Stichwort: Brausepulver).

A. F. Th. van der Heijden: Das Biest

Erschienen bei Suhrkamp

300 Seiten, 24 Euro


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Terézia Mora – Die Liebe unter Aliens

Erzählungsbände sind neben der Lyrik eine sehr stiefmütterlich behandelte Gattung in der Literatur. Kommerziell sind sie selten sehr ergiebig und auch unter gewieften Lesern hört man kaum jemanden sagen, dass ihn oder sie nichts seliger macht als ein Band prall gefüllt mit Erzählungen. Mit Terézia Moras Die Liebe unter Aliens erwartet einen auch der große Gemischtwarenladen mit Texten unterschiedlichster Qualität. Wenn Mora von zwei ausreißenden Jugendlichen erzählt, dann hat das Wucht, Saft und Kraft. Die Geschichte über einen alten, grummeligen Mann, der aber immer noch jeden flüchtenden Taschendieb beim Rennen einholt, ist dagegen betuliches „creative writing“. Mit anderen Worten: Moras Erzählungen changieren zwischen mittelmäßig und richtig stark. Da das richtig starke aber überwiegt, ist Die Liebe unter Aliens ein lesenswertes Buch.

Terézia Mora: Die Liebe unter Aliens

Erschienen bei Luchterhand

272 Seiten, 22 Euro


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Imre Kertész – Der Betrachter

Das Jahr 2016 war reich an betrüblichen Todesfällen. Auch Imre Kertész galt es, dieses Jahr zu verabschieden. Als Vermächtnis dieses großen Autors und Zeitzeugen sind nun seine letzten Notizen aus den Jahren 1991 bis 2001 erschienen. Diese posthum veröffentlichten Notate sind aber keine reinen Nachreichungen von kleinen Texten, die Kertész noch in der Schublade liegen hatte. Mit dem Galeerentagebuch und Letzte Einkehr komplettiert Der Betrachter nun eine Trilogie der Autofiktion. Somit hat Kertész die Jahre 1961 bis 2009 akribisch dokumentiert und diese Zeitläufte als Stoff einmalig aufgearbeitet. Wer Imre Kertész liest, der darf die Möglichkeiten der Literatur im Rahmen der Zeitzeugenschaft immer wieder neu denken.

Imre Kertész: Der Betrachter

Erschienen bei Rowohlt

256 Seiten, 19,95 Euro


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César Aira – Eine Episode im Leben des Reisemalers

César Aira ist eine Größe in der lateinamerikanischen Literatur. Sein Werk umfasst dutzende Bücher und keins gleicht scheinbar dem anderen. Der Held in diesem schmalen Roman ist der deutsche Maler Johann Moritz Rugendas, der im Jahr 1837 zusammen mit Alexander von Humboldt Lateinamerika durchquert. In dieser Zeit vor der Fotografie soll Rugendas die Forschungen Humboldts illustrieren. Unerwartete Unfälle machen es für Rugendas aber erstmal unmöglich, diesem Auftrag nachzugehen. Erst eine großzügige Dosis Morphium setzt das künstlerische Genie frei. Rugendas übertrifft sich als Maler selbst, aber seine Gier nach immer wieder neuen Motiven könnte ihm gefährlich werden in Anbetracht seiner körperlichen Versehrtheit.

Ein tolles Buch, das auch Leser, die sonst eher wenig mit historischen Romanen anfangen können, begeistern wird. Das Werk César Airas ist offenbar ein Schatz, den es in Europa noch in Gänze zu bergen gilt.

César Aira: Eine Episode im Leben des Reisemalers

Erschienen bei Matthes & Seitz

128 Seiten, 16 Euro


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Nele Pollatschek – Das Unglück anderer Leute

Eins der bemerkenswertesten Debüts dieses Jahres hat Nele Pollatschek hingelegt. Es erzählt gewitzt und temporeich von einer Patchwork-Familie, in der Chaos und Zusammenhalt gleichberechtigt zu existieren scheinen. Was vordergründig nach bilderbuchhafter Idylle klingt, wird durch Nele Pollatscheks größtenteils bitterschwarzen Humor wieder ins rechte Licht gerückt.

Das Unglück anderer Leute mag kein Erstling sein, dessen sprachliche Wucht einen umhaut. Dafür sitzt aber die Dramaturgie und insgesamt betrachtet kommt der im besten Sinne unterhaltsame Roman niemals plump daher. Auch ohne restlose Begeisterung darf man gespannt sein, was von dieser Autorin noch so kommt. Doch erstmal muss sie in Oxford promovieren.

Nele Pollatschek: Das Unglück anderer Leute

Erschienen bei Galiani

224 Seiten, 18,99 Euro


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Navid Kermani – Sozusagen Paris

Was wurde dieses Buch zu Unrecht mit Gift und Galle bespuckt! Sogar die mittlerweile eher altersmilde Iris Radisch hat Navid Kermani in ihrem Interview zu seinem neuen Roman Sozusagen Paris derartig in die Mangel genommen, dass man sich eher im Boxring wähnte als in einer vernunftgeleiteten Gesprächssituation. Bei solchen Anfeindungen könnte man fast meinen, dass Navid Kermani keinen Liebesroman, sondern ein hasserfülltes Pamphlet geschrieben haben könnte.

Dabei macht Sozusagen Paris richtig Laune. Erzähler der Romanhandlung ist ein namenlos bleibender Schriftsteller, der einen Roman verfasst hat, dessen Handlung Kermanis letztem Werk Große Liebe gleicht. In diesem autobiografischen Roman schildert er eine frühe Jugendliebe zur Schulhofschönheit, die ihm nun auf einer Lesung in einer Kleinstadt in Fleisch und Blut wieder gegenüber steht. Jutta heißt sie und ist mittlerweile verheiratet und Bürgermeisterin des beschaulichen Orts, in dem der Dichter lesen darf.

Kermani langweilt nicht auf einer Seite und liefert ein elegantes Spiel aus Reflektionen über Metafiktion und kunstvollen Abschweifungen in die französische Literaturgeschichte. Wer sich da noch an den scheinbaren Banalitäten des Buches aufhält und nicht erkennt, was für ein zwingend und im besten Sinne modernes Buch hier vorliegt, dem ist nicht mehr zu helfen.

Navid Kermani: Sozusagen Paris

Erschienen bei Hanser

288 Seiten, 22 Euro


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