Teresa Merfert | Drucken28.07.2014 

Trauriges Ich

Carolina de Robertis hat einen Roman über die Aufarbeitung der Geschichte der argentinischen Militärdiktatur geschrieben. Leider fällt er eher überraschungsarm aus

Wasser und Traurigkeiten, wachst und lasst die Sintfluten steigen.
Arthur Rimbaud: Illuminationen


Diese Zeile aus dem Gedichtband Illuminationen von Arthur Rimboud sollte das Leben der kleinen Perla bestimmen. Eines Tages, als ihre Eltern gerade im Urlaub sind und sie mitten im Psychologiestudium steckt, liegt plötzlich ein wassertriefender Geist auf dem Teppich im Wohnzimmer. Durch ihn getraut sie sich endlich, die lang verdrängten Vermutungen bezüglich ihrer Herkunft zu zulassen und die richtigen Fragen zu stellen. Dabei entdeckt sie ihr wahres Ich. Nach dem Bestsellerroman Die unsichtbaren Stimmen ist Perla das zweite Buch, das Carolina de Robertis veröffentlicht.

Perla lebt in Buenos Aires und wächst bei strengen Eltern auf, die der ehemaligen Militärdiktatur angehören. Mehrere Ereignisse in ihrer Kindheit prägen sie zutiefst. Sie erfand Lügengeschichten, um sich nicht gegenüber ihrer besten Freundin für ihre Eltern rechtfertigen zu müssen. Diese Freundin war es, die Perla zu den Büchern führte und kurz danach einen harten Schlußstrich unter ihre Freundschaft zog. Sie mied Perla, weil sie erfahren hatte, wer ihre Eltern waren.

Perla hörte auf, Geschichten zu schreiben, die von den „Verschwundenen“ handelten und flüchtete sich zu Freundinnen, die sie nicht verstanden. Sie begann, sich hinter einer Maske zu verstecken, die sie vor den Menschen in ihrer Umgebung und vor sich selbst aufsetzte. All dies nur, weil ihre Eltern Videla-Anhänger waren und Perla sie liebte. Besonders ihren Vater, der sie „sein Licht“ nannte und den sie nie verstand. Wegen ihm und sich selbst begann sie nach der Schule, Psychologie zu studieren. Sie wollte die Tiefen und Irrwege im Unterbewusstsein des Menschen ergründen. Sie lernt einen jungen Journalisten kennen, der versucht, die schrecklichen Geheimnisse der Videla-Militärdiktatur aufzuklären. Perla verheimlicht ihren Eltern den Freund und ebenfalls hält sie vor ihm eine Zeit lang die wahre Identität ihrer Eltern geheim.

Lange versuchte Perla ihre Eltern zu verstehen und sie und sich zu schützen. Sie schien immer abseits zu stehen, mit völlig anderen Ansichten, und doch war sie die Tochter. In ihrem Leben treten viele Ungereimtheiten auf, Worte der Eltern, die zuerst etwas eigenartig und später eindeutig sind.

Während der Rezeption dieses Buches entstehen zu früh Vermutungen darüber, was wohl die Hauptauflösung sein wird. Diese Vermutungen werden mit der Zeit immer wieder gestärkt, bis der Leser sie schließlich bestätigt sieht. Dies nimmt leider etwas die Spannung und überrascht nicht. Doch während des Romans entstehen weitere Fragen, die dann auch erst zum Ende hin beantwortet werden. Dadurch ist das Ende des Buches keine vollkommene Enttäuschung für den Rätsel liebenden Leser.

Insgesamt ist die Geschichte sehr anschaulich und bildlich geschrieben. Es wird dem Leser leicht gemacht, sich in die Protagonistin zu versetzen. Vor allem die Betroffenheit, die Trauer und Rührung, werden während des Lesens deutlich. Sollte man nicht über die Geschichte Argentiniens informiert sein, so wird diese während des Romans, eingeflochten in die Erzählung, klar und verständlich erläutert.

Einige Wege, die die Gedankengänge der Protagonistin nehmen, wurden leider schon zu oft beschritten, als dass sie erstaunen. Wieder ist sie es, die als einzige mit offenen Augen durch die Welt geht und die anderen so gehetzten Passanten beobachtet. Sie ist die Einzige, welche sich Gedanken über das Leben, die Menschen und die Geschichte macht. Und sie ist schließlich die Einzige, die wirklich lebt. Im Zusammenhang mit dem Thema des Romans ist dies durchaus plausibel, da die Hauptprotagonistin während des Romans ihr wahres Ich entdeckt, doch leider auch schon etwas abgeschmackt.

Carolina De Robertis soll laut The Washington Post mit diesem Roman in die Fußstapfen von Gabriel García Márquez und Isabel Allende treten. Dafür ist leider ihr Handwerk noch etwas zu oberflächlich und hat zu wenig Farbigkeit, das Talent kann sich aber durchaus mit mehr Erfahrung noch zeigen. Der Roman Perla ist eine sehr einfühlsame Geschichte, die neben ihrem Unterhaltungswert auch noch einen Einblick in die Geschichte Argentiniens liefert. Sie regt zum Nachdenken und zur allgemeinen Aufmerksamkeit im Leben an. Grausame geschichtliche Ereignisse werden wieder aufgerollt und dabei die Liebe zum Leben neu entdeckt. Das Buch ist eine gute leichte Ablenkung im Alltag und kann durchaus als Lektüre empfohlen werden.

Carolina de Robertis: Perla

Aus dem amerikanischen Englisch von Cornelia Holfelder-von der Tann

Fischer Krüger

Frankfurt am Main 2013

336 Seiten – 18,99 Euro


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