Steffen Lehmann | Drucken09.04.2002 

Schmerzliche Wahrheit

Zimbabwe wird von jeder Menge Missstände regiert

Zimbabwe hat gewählt. Oder vielleicht sollte es besser heißen, Präsident Robert Mugabe hat beschlossen, wie die Wahl auszugehen hat und sich eine weitere sechsjährige Amtszeit zugeschanzt. Dem Prozedere vom 9. bis 11. März den Namen Wahl zu geben, fällt schwer. Selbst dann, wenn eingestanden wird, dass ein Export gewachsener demokratischer Werte von Europa nach Afrika nicht funktioniert, macht diese Präsidentenwahl nachdenklich. Nachdenklich, weil sich Mugabe und seine Claqueure nicht die geringste Mühe gegeben haben, ihren Betrug zu kaschieren.

Natürlich ließ die Empörung aus Europa und Amerika nicht lange auf sich warten, als die ersten Ergebnisse aus dem südafrikanischen Land eintrafen. Von Sanktionen ist die Rede, Konten sind eingefroren worden. Aber waren sie so überraschend? Liest man den schmalen Band von Chenjerai Hove, dann wird deutlich, dass es gar keinen anderen Wahlausgang geben konnte. So wird ein Minister der Regierungspartei ZANU (PF) mit den Worten zitiert: "Wir haben das Recht, dieses Land zu regieren, weil wir dafür gekämpft haben. Wir werden weiter regieren, ob es gefällt oder nicht."

Chenjerai Hove ist einer der profiliertesten Autoren Zimbabwes. Schon in Stadtgeflüster. Skizzen aus einer afrikanischen Metropole (1995) zeichnet er ein düsteres Bild von den Missständen und der Hoffnungslosigkeit, die den Alltag der Menschen in Zimbabwe regieren. In Anbetracht des Ausmaßes an Gewalt und Terror gegen die Opposition kann es als ein kleines Wunder bezeichnet werden, dass Hove seine Kritik am System Mugabe bis heute unbeschadet überstanden hat. In ?Palaver Finish? beschreibt Hove, worin die Ursachen für die gegenwärtigen Missstände in Zimbabwe und nicht nur dort liegen. Denn seine Beobachtungen lassen sich durchaus auch auf andere afrikanische Länder übertragen (auch in Kenia wird in diesem Jahr noch ein neuer Präsident gewählt).

Und Hove nennt unverblümt das Hauptübel afrikanischer Politik: Geld. Es ist wie eine Obsession, schreibt Hove. Das Streben nach Geld und Besitz scheint alles andere zu überlagern. Erst sich selbst dienen und dann vielleicht denen, die sie gewählt haben. Deshalb ist das beherrschende Thema in seinen Kolumnen der moralische Verfall der Politiker. Mit Besorgnis registriert er das Fehlen der Strukturen, die in seinen Augen eine zivilisierte Gesellschaft charakterisieren: Meinungsfreiheit und Wahlrecht. Diese Strukturen müssten nicht einmal mit dem Attribut demokratisch versehen werden. Sie seien universal.

Die Lektüre der Kolumnen und Essays vermittelt ein Bild von Zimbabwe, das den Leser, ob der beschriebenen Unverfrorenheit, mit der die Bevölkerung belogen und das Land ausgeraubt wird, kopfschüttelnd zurücklässt. Resignierend stellt Hove fest, dass der Ausnahmezustand unter dem Regime von Ian Smith nichts im Vergleich zur Situation unter dem Regime von Mugabe sei. Mit dem Unterschied, dass das eine ein koloniales Regime gewesen ist, das andere aber die eigenen Leute unterdrückt und terrorisiert.

Trotz allen Pessimismus hat Robert Mugabe nur Zeit gewonnen. Auf Dauer wird sich die Bevölkerung nicht für dumm verkaufen lassen. Daher sollten sich Mugabe und seine Schicksalsgenossen eines der Sprichwörter vor Augen führen, die Hove so oft in seinen Texten zitiert: "Chinobhururuka chinomhara." (Das, was fliegt, wird sich irgendwann hinsetzen müssen.) Oder: Man sollte sich nicht auf ewig in Sicherheit wiegen.

Chenjerai Hove: Palaver Finish
Weaver Press, Harare 2002
96 S., 11,95 Brit. Pfund

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