Steffen Kühn | Drucken24.03.2014 

Pixel, Freiräume und Details

Erstmals zeigt ein Band vollständig die Werke der Künstlerin Christine Baumgartner

Christine Baumgartner hat es geschafft! Drei Museen haben sich für eine gemeinsame Ausstellung ihrer Arbeiten entschieden, das Musée d´art et histoire de Genève, das Centre de la Gravure et de l´image imprimé La Louvière und das Museum Kunstpalast Düsseldorf. Begleitet wird das Projekt vom Buch White Noise, das Baumgartners Arbeiten zeigt, fünf Essays über ihre Arbeit veröffentlicht und erstmalig ein vollständiges Werkverzeichnis vorlegt.

Der Band ist sorgfältig gestaltet, das Format DIN A4 ist zum Teil in Hochformat layoutet. Das ist ungewöhnlich und passt zur Künstlerin Baumgartner. Sie ist durch ihre Holzschnitte bekannt und arbeitet mit Foto- oder Videovorlagen. Ihre Arbeiten sind Abbilder von Bildern, oft werden die Vorlagen bis an den Rand der Lesbarkeit vergrößert, bevor Baumgartner sie in ihrer eigenen Art in das Medium Holz überträgt. Im Gegensatz zu bildnerischen Künstlern, die in staunendem Überwältigtsein von der Welt in Melancholie verfallen, untersucht Baumgartner die Welt bis ins letzte Teilchen, bis in die höchste Auflösung. Was sie dabei findet, ist immer wieder gleich, immer wieder trivial. Es sind winzige Punkte – Pixel und Freiräume dazwischen. Die höchste Auflösung ist trivial, nichtssagend! Erst durch die Vergrößerung des Abstandes, das Zurücktreten ergibt sich der Zusammenhang, das Faszinierende und Überwältigende des jeweiligen Sujets.

Ein zweiter wichtiger Ansatz in Christiane Baumgartners Arbeiten ist es, Bewegungen einzufangen. In der immer höheren Geschwindigkeit unserer Welt geht das Detail verloren, das Nachdenken und Staunen über die Kleinigkeiten und Winzigkeiten. Christiane Baumgartner versucht, die Welt anzuhalten und unsere Sinne wieder für die Details zu schärfen. Die Serie Fahrt zeigt drei Windräder in sich verändernden Perspektiven und Anordnungen. Dieses typische, uns bei fast allen Fahrten mit Auto oder Bahn begleitende Motiv wird in einen poetischen Zusammenhang gebracht. Es ist sehr wenig zu erkennen auf diesen schwarz-weißen Arbeiten. Durch das Suchen in den zarten Linien werden Erinnerung und Phantasie angestoßen, die immanente Bewegung der wechselnden Perspektive nimmt den Betrachter mit auf die Reise der Künstlerin. Sehr subtil überträgt Baumgartner dadurch ihre Ideen von Entschleunigen und Innehalten auf den Betrachter ihrer Arbeiten. Dem Verlag Scheidegger & Spiess sei gedankt dafür, dass man diese Momente des Entschleunigens nun auch außerhalb von Ausstellungen mit Hilfe dieses Buches genießen kann.

Christiane Baumgartner: White Noise

Herausgegeben von Christian Rümelin. Mit Beiträgen von Tobias Burg, Catherine de Braekeleer, Thomas Oberender, Christian Rümelin und Helen Waters

Text Deutsch und Französisch, englische Zusammenfassungen

Scheidegger & Spieß

Zürich 2014

160 Seiten, 382 farbige und 209 Schwarz-Weiß-Abbildungen – 35 €


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