Fabian Stiepert | Drucken19.10.2012 

In dubio pro deo

Christoph Peters hat mit „Wir in Kahlenbeck“ einen Roman über das Internatsleben, die 1980er Jahre und pubertäre Nöte geschrieben

Das Internat ist als soziales Konstrukt aus der deutschsprachigen Literatur kaum wegzudenken. Man erinnere sich nur an Jakob von Gunten aus Robert Walsers gleichnamigen Roman oder an Hans Giebenrath aus Hermann Hesses Unterm Rad. Christoph Peters hat mit Wir in Kahlenbeck einen Roman verfasst, der einige Jahrzehnte später vom Dasein in einem niederrheinischen Jungeninternat erzählt. Aber als Leser merkt man schnell, vor allem wenn man die oben genannten Klassiker gelesen hat, dass sich auch in den 1980er Jahren nicht allzu viel von der Kruste der repressiven Strukturen in solchen Lehranstalten gelöst hat.

Peters, der selbst einst Schüler auf einem katholischen Internat war, lässt seinen Helden und vermutliches Alter Ego Carl Pacher die Leiden der Pubertät im katholischen Gregorianum Kahlenbeck durchleben. Pacher ist dabei nicht unbedingt einer der rebellischen und typisch auffälligen Schüler, hängt aber trotzdem gerne mit seinen Kollegen auf dem Zimmer herum, philosophiert, trinkt Tee und raucht dabei. Bemerkenswert an den philosopischen Ausschweifungen von ihm und seinen Mitschülern ist die intellektuelle Tragweite. Wo die Pubertierenden auf normalen Schulen sich über Mädchen, Musik und Drogen unterhalten, geht es bei Pacher und seinen Kumpels gerne mal um grundsätzliche theologische Fragestellungen, an denen der Held des öfteren zu verzweifeln droht. Als dann im Lauf des Romans seine Gebete nach einer Freundin erhört werden und die schöne Ulla in sein Leben tritt, wird alles, was die Pubertät sowieso schon zu einer Qual macht, noch viel schlimmer.

Angenehm distanziert verfolgt der Autor die Entwicklung seines jugendlichen Schwerenöters, der sich im Taumel zwischen Gläubigkeit und unverhohlener Sündenbereitschaft befindet. Einen genaueren Blick hätte man sich dann eher bei den etwas ausschweifenden Naturbeschreibungen und Dialogen sowie der Ausarbeitung des Zeitkolorits gewünscht. Sicherlich hat es etwas Rührendes, wenn der Held seiner Angebeteten das neueste Album von Peter Gabriel auf eine Kasette überspielt und nachts im Bett versucht, ein Bild von ihr vor dem inneren Auge heraufzubeschwören. Dass es damals noch keine MP3s und hunderte Facebookfotos gab, sollte klar sein. Als Roman über die Liebe in prä-digitaler Zeit funktioniert Wir in Kahlenbeck aber trotzdem nur bedingt, zumal einem Carls Faszination für Ulla doch immer wieder etwas unklar umrissen erscheint.

Die Stärke des Romans, der auch auf der Longlist des Deutschen Buchpreises 2012 stand, liegt in der gnadenlosen Offenlegung pubertärer Leidensmuster. Warum sind andere schöner, besser, klüger und erfolgreicher als ich? Wie gelange ich bloß zu diesem senfkorngroßen Glauben, der am Ende Berge versetzen soll? Natürlich findet Peters auf diese lebenslang drängenden Fragen keine Antwort. Wir in Kahlenbeck ist trotzdem ein gelungener Roman über die Zeit im Leben, in der größtes Glück und scheinbar größtmögliches Unglück am nahesten beieinander sind.

Christoph Peters: Wir in Kahlenbeck

Luchterhand

München 2012

512 S. – 22,95 €


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