Tobias Prüwer | Drucken18.06.2009 

Hübsch anzuschauen

Im "Bildatlas Philosophie" kann das Abendland durchblättert werden

So ist dieses Buch eigentlich nur ein Album.
Ludwig Wittgenstein: Philosophische Untersuchungen

Was muss man sich unter einem Bildatlas vorstellen? Nun, er ist eine chronologisch aufgebaute visuelle Darstellung der abendländischen Philosophiegeschichte, die neben lexikalischen Einträgen zeittypische Abbildungen enthält, welche auf die jeweiligen Texte Bezug nehmen. So wird der Abschnitt zu rhetorischen Figuren mit einer Darstellung der göttlichen Hand aus der religiösen Kunst und einer Werbegrafik illustriert. Was nun fängt man mit diesem Werk an? Am besten, man schlägt es irgendwo auf und beginnt eine Reise, die sich an den vielen Verweisen entlang hangelt. Als kleines Beispiel soll hier solch eine Exkursion unternommen werden.

Die Seiten teilen sich unter den Händen des Autors und dann liegt sie offen, die Startseite: Ewige Wiederkehr. Unter diesem Stichwort wird von der hellenistischen Vorstellung einer zyklischen Struktur der Zeit berichtet, die sich angesichts der modernen Fortschrittsidee merkwürdig ausnimmt. Hier prangt unter anderem ein Kreisel von Nietzsche-Portraits, der die Idee der Ewigen Wiederkehr aufgriff. Dem Verweis Nihilismus folgend, kommen wir nach kurzer Etappe zum Lebens-Begriff. Die Lebensphilosophie hatte großen Einfluss auf die künstlerische Avantgarde des beginnenden 20. Jahrhunderts, weshalb sich die Weiterleitung zur Ironie anbietet, um so bei ihrem Lehrmeister anzukommen. Sokrates, so ist zu erfahren, wendete sie in seiner dialogischen Philosophie an, um sein Gegenüber auf logische Fehlschlüsse hinzuweisen. An der Darstellung des Sokrates als unermüdlichem Lehrer nun hatte die Pädagogik starkes Interesse, in deren Fahrwasser wir nun zur Aufklärung schippern. Deren Betonung der Vernunft muss den Leser für den Wahnsinn interessieren, der als Abnormalität oder Absenz von Rationalität charakterisiert wird. Von dem ist es zum Gesunden Menschenverstand nur ein winziger Sprung durch die Seiten und schon befindet man sich in Diagrammen zu konnektionistischen Netzwerken der Künstlichen-Intelligenz-Forschung wieder, die wiederum... - Doch das soll hier zur Demonstration genügen.

Man sieht, es lassen sich allerhand wundersame wie erhellende Verknüpfungen auffinden. Dabei erweist sich das Buch als solide gemachtes Populärlexikon - von kleinen Schnitzern einmal abgesehen. So enthält es ein verdrehtes Wittgensteinzitat, wenn es verallgemeinernd heißt "Die Bedeutung eines Wortes ist sein Gebrauch in der Sprache". Wittgestein selbst wies aber darauf hin, dies eben nicht für alle Fälle von "Bedeutung" sagen zu können. Aber das ist ein Detail. Der Bildatlas dient gewiss nicht dem tieferen Verständnis philosophischer Fragen und ist auch keine brauchbare Einführung. Aber dazu soll der Atlas schließlich auch nicht dienen. Den größten Gewinn kann man daraus ziehen, wenn er wie ein Assoziationsmedium benutzt wird; man ihn immer wieder zur Hand nimmt, um sich ins Dickicht der Geistesgeschichte zu schlagen, ihre Labyrinthgänge zu durchforsten, sich darin zu verlieren und vielleicht den roten Faden wieder aufzunehmen. Kurzum: Sich die Muße eines intellektuellen Flanierens zu gönnen und vielleicht anregen zu lassen, das ein oder andere Originalwerk zu konsultieren.

Ubaldo Nicolai: Bildatlas Philosophie. Die Abendländische Ideengeschichte in Bildern
Parthas Verlag
Berlin 2007
582 S. - 38 €
www.parthasverlag.de

Kommentar hinzufügen

 
Fügen Sie hier Ihren Kommentar ein:
 
 
 

* Pflichtfeld

 

Tipps

Französische Filmtage

Vive la cinema francaise! Passage-Kinos und Schaubühne Lindenfels feiern vom 22. bis 29. November das französischsprachige Kino.

Westbesuch

Am 2. Dezember von 11 bis 17 Uhr steht das Kultur- und Stadtteilfest Westbesuch an. Diesmal wird es weihnachtlich.

Choreographien der Arbeit

Das Schauspiel Leipzig hat beim Autor Sascha Hargesheimer das Stück "Choreographien der Arbeit" in Auftrag gegeben. Uraufführung ist am 25. November um 20 Uhr in der Diskothek im Schauspielhaus.

EXTRAS

Out of Leipzig

Berichte aus der Hauptstadt und dem Rest der Welt

Friedrich-Rochlitz-Preis

Rückblick auf den Friedrich-Rochlitz-Preis für Kunstkritik 2015. Das nächste Mal findet der Schreibwettbewerb 2017 statt.

Lyrik & Prosa

Gedichte und Erzählungen im Leipzig-Almanach

Jugend-Almanach

Die Extra-Rubrik für junge Autorinnen und Autoren

Jetzt Mitglied werden!

Damit der Leipzig-Almanach nichtkommerziell bleibt, brauchen wir Ihre und Eure Unterstützung. Jetzt Vereinsmitglied werden! Als Dankeschön gibt es einen Kinogutschein.

Newsletter

 

Registrieren Sie sich für den Newsletter des Leipzig-Almanach