Fabian Stiepert | Drucken30.03.2017 

Die Emanzipation von der Debatte

Fabian Hischmann legt seinen zweiten Roman vor. Das Buch scheitert an seinen postmodernen Ansprüchen

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Auf dem Cover des Buchs dominiert silbriges Grau. Im Vordergrund sind zwei Ölkanister zu sehen, im Hintergrund ein wild auswuchernder Baum, von dem einige Vögel ausfliegen, gesäumt von drei Häusern und hohen Hecken. Die Ölkanister wirken fast so, als käme gleich jemand, um sie abzuholen, um mit ihnen die Häuser in Brand zu stecken. Es wäre schade um die idyllische Landschaft mit herbem Charme.

Der unübersehbar dick gedruckt auf dem Cover prangende Titel lässt fast auf ein Reisejournal schließen. Rein assoziativ erinnert er auch an Andreas Maiers auf zwölf Bände angelegtes Roman-Projekt Ortsumgehung. Eine maiersche Erforschung der alten Heimat, die man zwecks Studium in einer größeren Stadt verlässt, sollte man aber trotzdem nicht erwarten. Dafür sieht die Landschaft nicht kleinstädtisch-deutsch genug aus.

Auf der Rückseite nur ein kurzes Dialog-Zitat aus dem Roman: „Wir waren lange genug still, findest du nicht? Lass uns reden!“ Gut gewählt. Ein endlich zu brechendes Schweigen verspricht knisternde Spannung und die Behebung eines lange im Verborgenen schwelenden Konflikts. Daraus kann man gute Literatur machen.

Aber: Fabian Hischmann ist einst in eine Falle getappt, die er nicht voraussehen konnte. Sein 2014 erschienener Debütroman Am Ende schmeißen wir mit Gold wurde über Nacht zum Gesprächsthema, nachdem man ihn im selben Jahr für den Preis der Leipziger Buchmesse nominiert hatte. Für die Diskutanten rund um die von Florian Kessler in der Zeit angeleierte Debatte über Schreibschulen und junge, deutsche Gegenwartsliteratur war Hischmanns Roman rund um einen jungen Lehrer, der in seinem Heimatdorf eine emotionale Tour de Force durchlebt, ein gefundenes Fressen.

Bei jungen, viel besprochenen Debütanten gilt das zweite Buch immer als das schwierigste. Schlimmstenfalls gibt es alten Wein aus neuen Schläuchen und die Story des Debüts wird mit minimalem Variationsaufwand nochmals zwischen zwei Buchdeckel geklatscht. Diesem klassischen Fehler junger Autoren weicht Hischmann geschickt aus und serviert uns eine Art Erzählungsreigen, in denen sich die Spielorte und Handlungen seiner Protagonisten immer wieder mehr oder weniger geschickt kreuzen.

Zuerst ist da Lisa, die im Nirgendwo Deutschlands aufwächst und durch den Selbstmord ihres Vaters in jungen Jahren traumatisiert wird. Aus dem unvorhergesehenen Schicksalsschlag heraus entwickelt sie eine nicht zu bändigende Gier nach Süßigkeiten; vor allem Snickers haben es ihr angetan. Ganz egal wo Lisa sich mit ihrer Freundin Anne aufhält, irgendwo ist immer eine der Kalorienbomben in Form eines Schokoriegels versteckt. Durch die hochkalorische Ernährung ist Lisas Verbrennungsmotor ständig im Gange. Eventuell ist das der Grund, weshalb sie niemals friert. Bis es sie an einen kälteren Ort auf der Weltkugel verschlägt, ist da nur eine Frage der Zeit.

Rund ein Viertel des Buches nimmt diese Coming-of-Age-Geschichte ein. Schade nur, dass Hischmann es nicht gelingt, diese konkret in einem sozialen Milieu zu verorten. Lisa könnte entweder eine Tochter aus mittelständischem, gutem Hause sein oder eine bauernschlaue Proletentochter, die den Widerständen der Pubertät auf ihre eigene Art und Weise trotzt.

Gekreuzt und vermengt wird dieser Handlungsstrang mit Geschichten von einem Züricher Kongress, auf dem sich junge Autoren treffen für ein Wettlesen im Stil des Bachmannpreises. Ebenso eine Rolle spielen Philipp, der in einem Imbisswagen Frikadellen brät, oder Hannes, der kurz vorm Abschluss seines Studiums an einer Filmhochschule steht. Als sein Professor die Idee für seinen Diplomfilm abschmettert und ihm dazu rät, lieber noch etwas auf eine bessere Idee zu warten, reist er zu seinem großen Idol Gus van Sant.

Auch Max Flieger, die Hauptfigur aus Hischmanns Erstling, taucht hin und wieder auf. Ob das nun eine über das ironische Selbstzitat hinaus gehende Funktion hat, sei dahingestellt. Zumindest geht es Max Flieger von Auftritt zu Auftritt im Buch immer schlechter. Zumindest als Versuch der Abkapselung und Distanzierung vom unerwartet heiß diskutierten Debüt funktioniert dieser Kniff sehr gut.

Insgesamt betrachtet ist Das Umgehen der Orte eine überladene postmoderne Spielerei und eine riskante Jonglage mit zu viel Personen und Handlungsorten auf gerade mal 200 Seiten. Zeitweise macht das staunen, auf langer Strecke scheitert der Text hingegen leider an seinen eigenen Ansprüchen. Bleibt die Hoffnung auf ein gutes drittes Buch aus Hischmanns Feder. Ein Buch, in dem die guten Ansätze gekonnt ausgeweitet und konsequent verfolgt werden und alles, was einer lähmend-langweiligen Beschreibungsprosa entspricht, über Bord geworfen wird. Dass das gelingt, ist nicht ausgeschlossen.

Fabian Hischmann: Das Umgehen der Orte

Berlin Verlag

Berlin 2017

200 Seiten, 18 Euro

Fabian Hischmann "Das Umgehen der Orte" - erste Meinung von Holger Leisering

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