Fabian Stiepert | Drucken18.01.2014 

Boing, Buch, Tschak!

Der britische Musikjournalist David Buckley hat eine informative Biographie über Kraftwerk geschrieben

Ich ruf dich an, ich hör dich gern, Wir sind die Roboter, Europa, endlos, Sie ist ein Model und sie sieht gut aus, Ich bin der Musikant mit Taschenrechner in der Hand, Fahr’n, fahr’n, fahr’n auf der Autobahn: Das sind nur wenige Beispiele für das magisch phrasenhafte der Texte der deutschen Band Kraftwerk. Ganz eindeutig simpel, ein klein wenig kindisch, pointiert und aus der deutschen Musikhistorie Deutschlands nicht mehr wegzudenken sind die Zeilen aus der Feder der Düsseldorfer Musikarbeiter. Doch das wirklich revolutionäre und hervorstechende liegt dann wohl doch im Sound von Kraftwerk, der bis heute seinesgleichen sucht. Obwohl der Großteil der von Kraftwerk veröffentlichten Alben mehr als 30 Jahre alt ist, klingt das meiste immer noch so, als wäre die Musik erst gestern aufgenommen wurden. Da fragt man sich: Wie haben die das bloß gemacht damals?

Um das herauszufinden, müssten die Mitglieder der Band, deren Besetzung sehr häufig und bis heute gewechselt hat, etwas auskunftsfreudiger sein. Die beiden Gründungsväter Florian Schneider und Ralf Hütter schweigen aber bisher konsequent und geben so gut wie nie Interviews. Wenn sie mal eins geben, dann geizen sie auch nicht mit kryptischen Antworten mit großem Interpretationsspielraum. Nur die ehemaligen Kraftwerker Karl Bartos (Mitglied von 1975 bis 1990) und Wolfgang Flür sind ab und an dazu zu bewegen, etwas ausführlicher aus dem Nähkästchen zu plaudern. Leider findet man in David Buckleys Ende vergangenen Jahres erschienenem Kraftwerk – Die unauthorisierte Biographie dann auch einige Gegenstimmen, die die Aussagen von Bartos und Flür revidieren oder in ein anderes Licht rücken. Mit anderen Worten: Man kann der Geschichte dieser Band kaum Herr werden, zu diffus sind die Zeitläufte der einflussreichsten deutschen Band aller Zeiten, ohne die die moderne Club- und Tanzmusik unserer Tage schlicht und ergreifend nicht denkbar wäre. So bekannte Pharrell Williams zuletzt, dass Kraftwerks Nummern für ihn immer noch einer der stärksten Dancefloortracks aller Zeiten ist; dabei ist das Stück mittlerweile fast 33 Jahre alt!

Vielleicht sollte aus diesen Gründen heraus David Buckleys Buch eher den Titel Kraftwerk – eine Chronik tragen, denn er hangelt sich zu sehr an den Ereignissen von 1967 bis heute entlang, als dass wirklich ein dynamischer und spannender Text entstehen könnte. Trotzdem muss man dem Buch natürlich zugestehen, dass es vor allem aufgrund dieser sehr klar eingehaltenenen „und dann“-Erzählweise einen hervorragenden Einstieg für alle neuen Fans bietet, die von Kraftwerk eher die Avatar-Roboterpuppen kennen als die Menschen dahinter. Somit ist David Buckleys Rechercheleistung voll und ganz Respekt zu zollen, zumal er es laut eigener Aussage auch intensiv versucht hat, Ralf Hütter und Florian Schneider als Interviewpartner zu gewinnen, aber von ihnen – wie zu erwarten war – nur freundliche Absagen oder weniger freundliches Schweigen geerntet.

Wer Kraftwerk dieses Jahr im deutschsprachigen Raum live sehen möchte, kann dies übrigens auf den Wiener Festtagen tun. Der Vorverkauf der heftig umkämpften Tickets beginnt am 28. Januar.

David Buckley: Kraftwerk – Die unauthorisierte Biographie

Aus dem Englischen von Henning Dedekind und Heike Schätterer

Metrolit

Berlin 2013

400 S. – 24,99 Euro


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