Holger Leisering | Drucken16.03.2018 

Urenkel Voltaires

Im Erzählband „Der Beste Staat“ spielt Michael Waßmann mit möglichen Welten. Traumhaft ist keine davon

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Michael Waßmann wohnt im beschaulichen Niemberg im Saalekreis. 1992 geboren, stellt der Student mit Der Beste Staat sein bereits zweites Buch vor. Wie ein geistiger Mega-Urenkel Voltaires variiert er mit erfrischend spielerischer Phantasie die Frage: Was wäre wohl der best-mögliche aller Staaten? Parabeln in Entwürfen neuer Welten lesen wir. So sehr wir uns davon auch angeregt finden, ist doch in keiner eine Wohnung, die wir nehmen würden wollen, wir bleiben übrig.

Gnadenlos, aber sauber reagiert der beste aller Staaten, der auch die Studentin, die eine demagogische Vorlesung über Hexerinnen und Hexer miterlebt und selbst als solche diffamiert wird, letztendlich umbringt, aus der Erinnerung auslöscht. Vereinfachte Quintessenz zum Verhaltenskodex der „Guten Ordnung“: Magie und Müßiggang sind strafbar.

Oder das Amt für Gnade und Brot: Es bestellt Frau Attena ein, denn die neue Regierung legt mehr Wert auf Arbeit. Forsch-fröhlich und zielorientiert wird vermittelt, gleich findet sich Frau Attena als Kassiererin in einer Kaufhalle wieder. Diese funktioniert allerdings in der „Guten Ordnung“ nicht wirklich, nur wenige wollen die bestellten Waren vorher sehen, keine Kundschaft außer Jugendlichen auf Kondomsuche. Bald schon wechselt Attena und wird Hilfspolizistin. Ihr gefällt es, Uniform zu tragen, doch die Praxis des neuen Jobs wird durch Übereifer und Nervosität Menschenleben kosten. Dabei ist ihre Bewaffnung zurzeit noch echt Science-Fiction; denn sie muss wählen, neben der herkömmlichen Handfeuerwaffe kann sie Albtraumpatronen verschießen, die den Querulanten außer Gefecht setzen und für diesen einen Höllentrip bedeuten.

Des Autors Diktion lässt hier den Sprachgebrauch am Campus – etwa geschult an Stura und politischem Plenum – in erfrischender Weise hinter sich, auch der politisch linke Bezug wird nicht zum Maulkorb, der gegenderte Sprachgebrauch linker Gruppen, wie in Unterstützer*Innen, wird so kommentiert: „Was für eine absurde Zeit? Was für eine absurde Sprache?“.

In Ehrliche Arbeit sitzt der Geschichtenerzähler in einem der letzten verblieben Cafés, einer sozialen Nische und sucht die kontemplative Ruhe. Das Herumhocken im Café, das Nichtbefolgen von Vorgaben muss bestraft werden. Das Verfassen unverlangter und unverständlicher Texte scheint verdächtig, galt ja in Diktaturen immer schon suspekt. In dieser Strafkolonie füllen sich auf der unteren Ebene die Wasserbecken, die man ausschöpfen muss, damit das Überleben gesichert ist. Es lässt sich so einrichten, dass an acht Stunden Schlaf zur Regeneration der Arbeitskraft gedacht ist. Liest man da wirklich noch über das Szenario der Zukunft oder vielmehr die ins Groteske überzeichnete Analyse der untergegangenen DDR? Hier wird ein Ordnungsimplantat eingesetzt, so weit waren die zuständigen Genossen der Arbeiter- und Bauernrepublik im Kampf gegen Asozialität und Schlendrian noch nicht aufgerüstet.

In Revolution, Drei, Zwo, … kommt auch für die Freunde von Abenteuerlektüre Vergnügen auf. Es werden Waffentransporte geflogen, die auch mal in die falschen Hände fallen, sogar die scheinbar Überlegenen geraten in einen Hinterhalt. Es darf geballert werden! Will nun meine Betrachtungen schließen, ehe mich die Albtraumkugel trifft. Weshalb ich allen empfehle, diese faszinierende Vermischung aus Science-Fiction und Gesellschaftstheorie zu lesen. Gegen durchaus nicht nur belletristische Bedrohung hilft nur der Traum von einer besseren Welt und das wäre schon fast wieder Magie.

Michael Waßmann: Der beste Staat – Geschichten aus der Guten Ordnung

2017

160 Seiten, 7,99 Euro


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