Bettina Kremberg | Drucken13.03.2020 

Das frühe Denken von Habermas

Pünktlich zum 90. Geburtstag von Jürgen Habermas veröffentlicht Roman Yos seine Dissertation über den frühen Habermas. Dafür erhielt der junge Philosoph im November 2018 den Potsdamer Nachwuchswissenschaftler-Preis. Auch so renommierte Zeitungen wie Die Zeit sparten nicht mit Lob

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Yos studierte erst Sport- und auch Politikwissenschaften, dann auch Philosophie in Leipzig. Das Habermas-Buch, das zugleich seine Dissertation ist, schrieb er im Rahmen des Walther-Rathenau-Graduiertenkollegs am Moses-Mendelssohn-Zentrum und der Universität Potsdam. Inzwischen ist er als Lektor für geisteswissenschaftliche Schriften und als Lehrbeauftragter am Lehrstuhl für politische Bildung in Erfurt tätig.

Seine überaus gründliche ideengeschichtliche Aufarbeitung von Habermas’ frühem Denkweg stellt den jungen Intellektuellen als Journalisten, Soziologen und Philosophen dar, dem es um eine gelingende Vermittlung von ökonomischem System und mit demokratischer Herrschaft in der Zeit des Wiederaufbaus nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges geht. Das ist nicht einfach, ziehen sich die Verwicklungen in die vergangene Geschichte und ihre Bewältigung bis in die eigene Familie hinein. Yos gelingt es, im fortwährenden Abgleich der frühen unbekannten Texte Umbrüche und Verwerfungen zu Tage zu fördern, die Habermas in ein neues Licht rücken. Dabei liegt es dem Autor fern, Habermas von vornherein Deutungstopoi zuzuordnen. Vielmehr hält Yos den methodischen Status seiner Untersuchung bewusst im Vagen.

Ziel des Buches, das zunächst als eine Arbeit über die Vorgeschichte von Habermas’ Habilitationsschrift gedacht war, ist es nicht nur, die lebensweltlich-biographischen Kontingenzen aufzudecken, die Habermas zu dem machten, der er später geworden ist. Zugleich werden die mentalitätsgeschichtlichen Hintergründe berührt, die die BRD in diesen Jahren auszeichnete. Yos hat die Zeit vom 1952 bis 1962 im Blick.

Zugleich spielt der Titel des Buches auf Der junge Hegel von Georg Lukác an. Lukác schildert Hegel darin nicht als einen philosophischen Reaktionär, der Advokat der preußischen Monarchie und Verteidiger des Status quo ist, wie dies manche Lesart hergibt. Vielmehr wird Hegel als Analytiker der Französischen Revolution und als Vorläufer von Marx, also als ein dialektischer Geschichts- und Gesellschaftskritiker dargestellt, der zwar im Idealismus verfangen bleibt, aber der Entwicklung des Historischen Materialismus den Weg weist.

Ähnliches versucht nun auch Yos, indem er sein Buch in zwei Teile teilt: Einmal untersucht der Autor die Motive von Habermas’ Denkens, dann, im zweiten Teil, seinen tatsächlichen Denkweg. Und dieser stellt sich als sehr verschlungen dar. Denn ausgehend von dem Anfang der 1950er Jahre überall kursierenden Denken Martin Heideggers, mit dem sich Habermas intensiv auseinandersetzt, bewegt sich sein Denken über Friedrich Schelling hin zu Karl Marx, also von einem fundamentalontologischen Ansatz zu einer kritischen Gesellschaftstheorie, wo sich bereits Ansätze des Theorems eines herrschaftsfreien Diskurses abzeichnen.

Auch wenn es Yos nicht um biografische Aspekte im Leben von Habermas geht, so zeichnet seine ideengeschichtliche Arbeit doch auch Motive auf, die Habermas als Menschen verständlicher machen. So vermisst man zunächst eine Stellungnahme zu seinem den nationalsozialistischen Ideen nahestehenden Vater genauso wie eine Abrechnung mit Heideggers Verwickeltheit in die NS-Zeit. Andererseits aber ist an seinen frühen journalistischen Arbeiten zu erkennen, wie stark es Habermas um eine Auseinandersetzung bezüglich des Traditionsbruchs mit der NS-Vergangenheit geht, vor allem um eine Diskussion über Mitläufer. Konsequenzialismus liegt ihm dabei jedoch fern. Aus heutiger Sicht würde man ihm eine Art Indifferentialismus attestieren. So rückt Habermas zur Tradition zwar auf Abstand, verabschiedet sich aber nie gänzlich von ihr.

Angesichts der Zögerlichkeit mutet es daher etwas konstruiert an, Habermas’ zehnjährigen Denkweg als einen Emanzipationsweg von Heidegger weg zur Anthropologie, zu Schelling und zur Frankfurter Schule hin an. Angesichts der Existenzanalyse und Entfremdungsproblematik könnte man Habermas’ Denken genauso gut als Fortsetzung oder Erweiterung des Heideggerschen Denkens lesen, wenn man Heidegger unpolitisch interpretiert.

Insofern kommt der Vorwurf an Roman Yos, zu einer „Mischung aus ehrfurchtsvoller Paraphrase und kompendienartiger Sekundär-Literatur-Recherche“ zu neigen, nicht von ungefähr, den Florian Meinel in der FAZ formuliert. Der Leser muss sich fragen, ob Yos ein Habermasjaner ist, der mit seiner unkritischen Darstellung seinem Idol ein Denkmal setzen will, oder was er sonst mit diesem Buch erreichen wollte.

Roman Yos: Der junge Habermas. Eine ideengeschichtliche Untersuchung seines frühen Denkens 1952–1962

Suhrkamp-Verlag

Berlin: 2019

521 Seiten, 26 Euro


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