Philipp Hartmann | Drucken03.03.2016 

Eine Insel des Schreckens
in einem Meer aus Chaos

Der Leipziger Sascha Macht legt mit seinem ersten Roman „Der Krieg im Garten des Königs der Toten“ ein Kunstwerk vor, das auf mehr als eine Weise fantastisch ist

Wenn es so etwas wie eine typisch deutsche Literatur gibt, und wenn sie sich durch Merkmale wie realistisches Erzählen, Auseinandersetzung mit NS- oder DDR-Vergangenheit oder auch (wie in jüngerer Zeit oft kritisiert) durch Fixierung auf Befindlichkeiten auszeichnet, dann fällt Sascha Machts Debütroman Der Krieg im Garten des Königs der Toten nicht in diese Kategorie. Schon durch das Setting rückt das Werk in denkbar weite Ferne zur Heimat seines Autors: Der Roman spielt auf einer plötzlich aus dem Meer getauchten Insel, deren Wüsten- und Urwaldlandschaften neben mutierten Tieren von einem bunt zusammengewürfelten Haufen Menschen bewohnt werden, von Kommunisten, Soldaten, Landstreichern, Partisanen und Hippies aus aller Herren Länder. Dadurch wirkt selbst die einzige deutsche Figur, genannt der Preuße, ein sterbenskranker Tourist mit einem Faible für Gewaltherrscher, ebenso befremdlich und exotisch wie alle anderen Charaktere, die sich auf dem namenlosen Eiland tummeln.

Die Handlung ist schnell erzählt: Der 17-jährige Horrorfilm-Enthusiast Bruno Hidalgo verlässt nach dem Verschwinden seiner Eltern sein Heimatdorf und begibt sich auf eine wilde Odyssee, zeitweise begleitet von dem Preußen, einem Mann namens El Corazón und einem Dokumentarfilmer-Ehepaar. Ein bisschen wie Tschick, abgerutscht in ein aus den Fugen geratenes Paralleluniversum. Ein Jugendroman? Fantasy? Science-Fiction? Horror? Alles und nichts davon. Der Krieg im Garten des Königs der Toten stellt eine eigenwillige Zwischenform dar und bedient sich dafür bei den verschiedensten Vorbildern, insbesondere amerikanischen: Die düstere Fantastik erinnert an H. P. Lovecraft, der überbordende, teilweise absurde Einfallsreichtum an David Foster Wallace, die metaphysische Atmosphäre lässt an Jorge Louis Borges denken, der Stil scheint von Roberto Bolaño inspiriert. Und nicht nur die Welt der Literatur, auch die Welt selbst ist ein Fundus für den Kosmos des Romans – politische Umstürze, Rassismus, Krieg und was es noch alles so gibt winken immer wieder vom Rand des Spielfeldes.

Damit keine Missverständnisse aufkommen: Sascha Macht ist kein bloßer Eklektiker. Die Anleihen und Einflüsse sind nicht aus mangelnder Kreativität herangezogen, sondern werden als postmodernes Spiel zu etwas eigenem und selbständigem verwoben. Dabei ist es die Sprache selbst, die das Ganze organisch und einheitlich zusammenzurrt. Die Prosa ist selbstbewusst und detailverliebt, kraftvoll und bildreich. Letzteres ist das Alleinstellungsmerkmal Machts, sein unique selling point. Wer Der Krieg im Garten des Königs der Toten aufschlägt, dem sprudeln Metaphern entgegen, mal als effektvolle Fontäne, mal als sich verzweigender Fluss. Dadurch reißt der Text permanent auf und wird durchlässig für eine dahinter liegende Uneigentlichkeit, eine geheimnisvolle und mit poetischen Worten beschworene, andere Welt. Leider liegt in dieser größten Stärke des Romans auch seine Schwäche, wenn er sich nämlich (wie es im Text selbst an einer Stelle heißt) „leichtfertig in einem Dickicht scheinheiliger Metaphern verrennt“. Das passiert hin und wieder, und lässt den Leser mit einem schalen Gefühl und der Frage zurück: Ist doch alles nur Taschenspielerei? Nein, das ist es nicht – aber manchmal wäre weniger eben mehr gewesen.

All das ist schön und gut. Ein fantastisch geschriebenes, fantastisch phantasievolles Debüt. Nun könnte man fragen, in der Tradition des typisch deutschen Lesers: Und was sagt uns das? Ist das sprachverliebter Selbstzweck? Realitätsferne Unterhaltungsliteratur? Hier hilft ein Blick ins Buch weiter. Aus den Reflexionen des Protagonisten über seine geliebten Trash-Horrorfilme lässt sich nämlich so etwas wie eine implizite Poetik herauslesen, die diese Filme in all ihrer Befremdlichkeit und Absurdität als letzte Bastion gegen den Wahnsinn im Angesicht einer undurchdringlichen, bösartigen und dem Untergang geweihten Welt adelt. Vielleicht ist Der Krieg im Garten des Königs der Toten genau das: Eine Kampfansage an die Wirklichkeit, die auf der namenlosen Insel verzerrt, verwandelt, verdreht und überhaupt virtuos verwurstet wird, um etwas ganz anderes daraus zu schaffen: Kunst. Kunst als Ausweg, Kunst als Droge, Kunst als verzweifelte Utopie. An einer Stelle sagt Bruno Hidalgo: „Niemand kann sagen, was hier eigentlich vor sich geht, und wer es doch kann, der hat nicht mehr alle Nägel im Gebälk. Und aus diesem Grund schauen wir jetzt gemeinsam van Vijfeijkens Die Toten und die Toten an, der all das falsch macht, was eine Menge Schwachköpfe für richtig halten.“ In diesem Sinne: Viel Freude bei der Lektüre!

Sascha Macht: Der Krieg im Garten des Königs der Toten

DuMont

Köln 2016

272 S. – 19,99 Euro


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