Holger Leisering | Drucken11.12.2017 

Spätromantische Sozialkompetenz

Der Prosaband „Der Regengott“ von Alvydas Šlepikas transportiert litauische Zeitverschiebung

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Eine einzige Formulierung der Titelerzählung, im Nebensatz formuliert, beschreibt ein Insekt, das die Flügel wie ein Helikopter kreisen lässt, und verweist somit auf die Moderne. Solcherlei Bezüge zur Gegenwart bleiben in Der Regengott rar. Der empfindsame, aber eben auch antiquiert wirkende Schreibstil von Alvydas Šlepikas, der sich an der Ästhetik des 19. Jahrhunderts orientiert, ist möglicherweise eine Antwort auf die schwierigen und oft leidvollen Verzerrungen litauischer Geschichte.

In Litauen wurde Šlepikas 1966 geboren. Er arbeitete als Regisseur, verfasste Drehbücher und war Chefredakteur einer Wochenzeitung. 2012 erschien im Mitteldeutschen Verlag die Erstübersetzung seines mehrfach ausgezeichneten Romans Mein Name ist Marytė. Šlepikas publizierte unter anderem zwei Gedichtbände und den erweiterten Prosaband Der Regengott.

In Litauen haben sich Bräuche und Mythen vergangener Jahrhunderte wie Einkapselungen in der sonst üblichen Alltagskultur aus Smartphone und buntem Fernsehen erhalten. Andererseits war Litauisch die Sprache der Bauern und literarische Werke wurden oft auf Russisch oder Polnisch geschrieben.

Aus der Sicht eines Jungen wird in Regengott ein Ablassfest nach Ostern geschildert, vergleichbar vielleicht der bei uns in ländlichen Gebieten gefeierten Kirmes oder dem Kirchweihfest. Alles ist tief katholisch in Volksfrömmigkeit, die Gemeinde beugt die Knie zum Gebet und viele singen im Kirchenchor mit. Die Schwester trägt ein weißes Kleid, der Besuch von Verwandten und der Cousins wird erwartet. Für uns ungewohnt, gibt es kaum eine ironische Brechung, geradezu kindliche Freude und tiefe Ergriffenheit kommen auf. Die Stimmung scheint so, dass man sie kaum mit den Mitteln der Analyse verletzen will.

Das Fremde ist ein Bettler, der jedes Jahr zum Fest erscheint. Diesmal fällt die Wahl seiner Übernachtung, die gewissermaßen eine Ehre darstellt, auf die Familie des Protagonisten. In der Nacht stirbt der Kostgänger in der Scheune, man muss die Miliz rufen.

Erkunden Sie selbst die einzigartige litauische Zeitverschiebung, die trotz Spätromantik hohe Sozialkompetenz transportiert. Lesen Sie von großen und kleinen Helden – wie heißt es doch in der Erzählung Die Angler: „Hier gibt es keine Aha-Erlebnisse. Hier in unserem Städtchen. Alle, die es hierher verschlägt, sagen, es sei gemütlich.“

Alvydas Šlepikas: Der Regengott und andere Erzählungen

Aus dem Litauischen von Markus Roduner

Mitteldeutscher Verlag

Halle 2017

192 Seiten, 14,95 Euro


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