Holger Leisering | Drucken11.03.2020 

Die lasierte Silje und der Kommissar

„Der Todgeweihte“ von Gabriella Ullberg Westin ist ein spannender Krimi aus Schweden mit leichten Schwächen in der Figurenzeichnung

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Zwei Freunde seit Kindertagen, Lenita und Sebastian, verlassen das Kino Cinema 3 in Hudiksvall, es gibt Missstimmung. Sie machen sich getrennt auf den Heimweg. Als Lenita die Schüsse hört, ist es schon zu spät. Sie will ihren Freund retten und wird selbst angeschossen. Eine Bluttat von nie dagewesener Brutalität für den kleinen Ort. Lenita, so werden Kommissar Johan Rokka und die mit ihm befreundete Kriminaltechnikerin Janna eruieren, hat bei dem Sicherheits- und Wachschutzunternehmen Nordsecure gejobbt, wurde dort aber entlassen. Der Anlass dafür bleibt unklar: Hat sie absichtlich einen Alarm ignoriert oder die Anlage abgeschaltet, um einen Einbrecher zu begünstigen? Die Polizei wird sie nicht mehr befragen können, denn im Krankenhaus bringt sie sich um.

Der Held in Der Todgeweihte heißt Johan Rokka. Der Protagonist ist der persönliche Held der fünfjährigen Silje, die Tochter von seinem Cousin Frank und dessen Frau Louise. Ob es daran liegt, dass er mit Polizeiauto, Blaulicht und Sirene am Kindergarten vorfährt, wenn er einspringt und Silje bringt? Sie liebt Kommissar Rokka und diese Liebe wird erwidert. Bald schreibt ihm das Mädchen SMS mit Herzchen und anderen Emojis und es beginnt sich eine persönliche Beziehung zwischen dem von seiner letzten Partnerschaft enttäuschten, allein lebenden Rokka und ihr zu entwickeln. In stillen Stunden gewahrt er seine Sehnsucht nach familiärer Bindung und Kindern. Siljes Mutter Louise meldet sich gerade nach einem Burnout-Syndrom bei ihrer Firma Biotech Iris zurück, wo sie unmittelbar den CEO unterstützt. Sie soll in den Staaten einen neuen Scanner vorstellen, der die Iris der Augen einliest und im Gegensatz zu ähnlichen Patenten problemlos funktioniert. Das Unternehmen ist börsenorientiert, es geht um viel Geld. Im Verlauf des Romans geraten Louise und Silje geraten immer stärker in Gefahr, werden schließlich gekidnappt. Im Ort und in der Firma taucht plötzlich nach langer Zeit Rokkas Bruder auf und versucht, Zugang zu internen Informationen zu erhalten. Vermeintlich beruflich erfolgreich präsentieren sich auch Rokkas Cousins Frank und Micke, sie prahlen, dass ihre Firma brummt. Es verhält sich nur leider anders, sie haben zwei Millionen unterschlagen und die Geldkarte ist gesperrt, als sie an der Tankstelle vorfahren, um Silje ein Milchgetränk kaufen.

Der Kriminalroman der 1973 in Hudiksvall geborenen Gabriella Ullberg Westin – sie ist studierte Kriminologin, ihr Mann Polizist – malt in eindringlichen, hochsensiblen Bildern ein Gemälde von der Versuchung durch absoluten Reichtum, und auch von der Scham wegen sinkendem Sozialprestige. So manchem Charakter gilt Zahlungsunfähigkeit als No go – das soziale Stigma der Armut! Auf Seite 9 hört Lenita Krall: „Man kann für Geld nicht alles tun. […] Das musst du doch einsehen.“ Für diese Bescheidenheit und Ehrlichkeit fehlt es freilich nicht nur den Cousins an Sinn und Gemüt. Das verleitet sie zu Handlungen, die sie bereuen werden, die in diesem Fall allerdings auch Lesevergnügen garantieren.

Westin ist die Freude am Schreiben und Fabulieren durchaus anzumerken, die Eindrücke des Polizeialltags bereichert sie durch Phantasie und Einfallsreichtum. Dennoch stören einige Details: Auf Seite 333 durchsucht Janna die Wohnung von Louise, Frank und Silje. Die starke Bindung an den Beruf und die Computertechnik prägt auch deren Privatleben. In jedem Zimmer hängt eine Überwachungskamera. Da lesen wir: „Der Hauptstromschalter knackt, als sie den Daumen ansetzt und die Sicherung rausdrückt. Jetzt wird keine Kamera sie mehr aufzeichnen.“ Nun ist die Überwachung nicht das Werk eines Hobby-Bastlers, sondern im Hause einer leitenden Angestellten von Biotech Iris installiert. Da dürfte mit dem Knacken des Hauptschalters ein Akku einspringen – oder?

Weiteres Kopfzerbrechen bereitet die Taxi-Flucht von Daniel, dem Bruders von Rokka. Dem Trader, der mit unvorstellbaren Summen jongliert, geht vorübergehend das Bargeld aus. Außerdem meldet sich ständig sein Vermieter bei ihm, um die Miete einzutreiben. Als er mit tatkräftiger Verstärkung droht, zieht Daniel die naheliegende Konsequenz und verlässt auf Nimmerwiedersehen sein Quartier. Einige Seiten später steigt er in ein Taxi, lässt den Taxifahrer richtig Geld sehen und gibt ihm noch ein paar Tausender dafür, dass er die Nacht auf dem Rücksitz des Taxis in der Garage verbringen darf. Die Quelle des plötzlichen Geldsegens bleibt unklar. Ebenso, was die Ursache für solch unnötige Unlogik ist.

Die fünfjährige Silje ist ein fantasievolles und sensibles Kleinkind, das durch intuitive Gaben gesegnet ist. Wird hier nicht zu stark akzentuiert? Vielleicht ein bisschen zu viel niedliches Kind, Sexualstraftat-Opfer und intuitive Ermittlerin? Die handelnde Person wirkt wie lasiert, angestrahlt und abgehoben, was bei sorgfältigerem Lesen zu Ungunsten ihrer Glaubwürdigkeit empfunden werden könnte. Die unkonventionellen Ermittler Janna und Johan Rokka in Der Todgeweihte bieten spannende Unterhaltung und einen Einblick in die schwedische Gesellschaft, auch wenn manches in der Logik der Handlung fraglich bleibt und nicht nur die Figur der Silje hart am Klischee orientiert ist.

Gabriella Ullberg Westin: Der Todgeweihte

Übersetzt von Stefanie Werner

HarperCollins

Hamburg 2020

400 Seiten, 14,99 Euro


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