Fabian Stiepert | Drucken18.04.2016 

Die Analyse einer Beziehung

Silvia Bovenschen hat ein liebevolles Buch über ihre langjährige Freundin Sarah Schumann geschrieben. So diskret und schön wurde lange nicht von der Liebe erzählt

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Die Essayistin und Literaturwissenschaftlerin Silvia Bovenschen wurde einem größeren Publikum bekannt mit ihrem wunderbaren Buch Älter werden, in dem sie sich mit den Symptomen und Unbequemlichkeiten des Alterns auseinandergesetzt hat. Der schmale Band voller Anekdoten und Randnotizen war nicht nur eine Fundgrube an Weisheit und ein kleiner Überraschungsbestseller, sondern auch ein ideales Geschenkbuch für alle, die einen Geburtstag zu feiern haben. Gesetzt dem Fall, dass die Jubiliare geerdet genug waren, um sie mit den Tatsachen des Alterns literarisch wie intellektuell zu konfrontieren.

Rund zehn Jahre und vier Werke später ist ein weiteres, sehr persönliches Buch von Silvia Bovenschen herausgekomen. Es trägt den etwas barsch daherkommenden Titel Sarahs Gesetz und handelt von der Malerin Sarah Schumann, mit der Bovenschen seit vierzig Jahren befreundet ist und seit geraumer Zeit zusammenlebt. Dabei fing alles ganz harmlos und fast schon langweilig mit einem gemeinsamen Abendessen an, bei dem Schumann Möhrensuppe servierte.

Wie Bovenschen Rückschau hält auf vier Jahrzehnte Gemeinsamkeit ist anrührend und zugleich – bei allem Persönlichen, was in dieses Buch eingeflossen ist – sehr diskret. Kein Kuss, ja nicht einmal eine Umarmung wird geschildert. Höchstens die liebevolle Pflege, die die seit Studententagen an multipler Sklerose erkrankte Bovenschen von ihrer Freundin erfährt, deutet so etwas wie den Austausch von Zärtlichkeiten an.

Genau dieser intellektuelle, analytische Blick frei von jeglicher Rührseligkeit macht die Qualität dieses Buchs aus. Zugleich bietet Bovenschens Text aber auch einen Ausflug in die Jahre der 68er-Studentenbewegung, in denen die Vorlesungen von Adorno gerammelt voll und die Diskussionen zum Thema Feminismus noch erhitzter waren als heute. Anhand dieser Rückschau, in der sich die Autorin fast ausschließlich an ihrem Gegenüber orientiert hat, wird Sarahs Gesetz zu einem kleinen autobiographischen Geniestreich. Ob da der rund fünfzig Seiten lange Appendix mit bereits zuvor veröffentlichten, essayistischen Texten zu Bildern und Ausstellungen von Sarah Schumann wirklich notwendig gewesen wäre, sei dahingestellt.

Silvia Bovenschen: Sarahs Gesetz

S. Fischer 2015

250 S., 19,99 €


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