Holger Leisering | Drucken13.06.2018 

Satelliten begleiten Biografie

Hannah Arendts Essay „Die Freiheit, frei zu sein“ ist so schwer wie empfehlenswert

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Hannah Arendt (1906–1975) war eine der weltweit bekanntesten philosophischen und politischen Publizistinnen, veröffentlichte unter anderem Der Liebesbegriff bei Augustin, Rahel Varnhagen. Lebensgeschichte einer deutschen Jüdin aus der Romantik, Über die Revolution oder Macht und Gewalt. 1961 nahm sie als Reporterin am Eichmann-Prozess teil. Um ihr Werk zu ehren, wurde ein Asteroid mit „100027 Hannaharendt“ benannt, die Autorin erhielt den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels und in der Stadt Bozen mahnt quer über das Mussolini-Relief ihr Aufruf: „Niemand hat das Recht zu gehorchen!“

Hannah Arendt wertet die Erringung der Freiheit höher als den revolutionären Umsturz. Revolutionen sind die Satelliten ihrer Biografie, werden mit Sympathie begrüßt, kritisch betrachtet und analysiert. Ahrendt verweist im kürzlich erschienenen Essay Die Freiheit, frei zu sein auf den anfänglichen Wortsinn der Vokabel Revolution, die – für uns heute paradox – Restauration bedeutete. Die komplexe Recherche führt zu so unterschiedlichen Quellen wie Machiavelli, Vergil oder Karl I. von England. Die Entdeckung des Textes aus dem Nachlass stellt eine Sensation dar. Dank Andreas Wirthenson liegt uns erstmals die Übersetzung ins Deutsche vor. Was kulturgeschichtlich eine Perle darstellt, darf allerdings nicht zu naiv aktualitätsbezogen gelesen werden, sondern es müssen Begleitumstände zur Zeit der Entstehung des Werkes berücksichtigt sein.

Zweifelsohne lässt sich beispielsweise die These vom Bürokratismus als Instrument der Behördenwillkür als strahlend vor Aktualität zitieren. Hingegen bleibt die von ihr gewürdigte Vorbildwirkung Amerikas – wie wir heute wissen – fast nur auf die Epoche der Entstehung zu beziehen und auf das Engagement im Krieg gegen Hitler-Deutschland.

Nach dem Lesen des Essays begegnen wir im Nachwort einem zweiten vom Philosophen Thomas Meyer (geb. 1966, lehrt in München), aus dem wir wichtige Hinweise zur Biografie wie zur Geschichte des Textes entnehmen können. Diese kleine Broschur wiegt schwer. Für die Lektüre bedarf es aber keineswegs etwa vorbereitender universitärer Studien. Querverweise und Quellenlage funkeln wie die Fabulierkunst der Autorin. Selbstverständlich zu empfehlen.

Hannah Arendt: Die Freiheit, frei zu sein

übersetzt von Andreas Wirthensohn

dtv Literatur, München 2018

64 Seiten, 8 Euro


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