Kathrin Rahmann | Drucken26.02.2018 

Meisterwerk der Melancholie

Terezia Moras „Die Liebe unter Aliens“ erzählt von der Fremdheit in Beziehungen

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Zwischen manchen Menschen klaffen Abgründe, die unüberbrückbar zu sein scheinen. Ihre Kommunikationsversuche münden unweigerlich ins Missverstehen, sie sind einander Aliens, Fremde. In Terézia Moras Erzählungen sind gerade jene Menschen einander am fremdesten, die einander ganz nahe stehen. Eine junge Frau, die früh Mutter geworden ist, muss die Liebe zu ihrem Sohn, der bei ihren Eltern aufwächst, erst lernen. Schließlich entsteht jedoch eine besondere Beziehung. Eine junge Wissenschaftlerin lebt mit der Liebe ihres Lebens zusammen, bis er sie nach acht Jahren Beziehung verlässt, weil sie ihm ihre tiefe Liebe gesteht. Als ein japanischer Professor in den Ruhestand geht, weiß er kaum etwas mit seinem Tag anzufangen. Völlig unerwartet verliebt er sich mitten in Berlin in die Darstellung einer japanischen Göttin.

In Die Liebe unter Aliens gelingt es Terézia Mora auf beeindruckende Weise, Fremdheit in Beziehungen darzustellen, ohne dass auch nur eine einzige der Geschichten vorhersehbar zu werden droht. Mora gleitet von der Männerperspektive in die Frauenperspektive, kann sich in verstörte Teenager ebenso hineinversetzen wie in jenen japanischen Professor im Ruhestand. Ganz Europa scheint ihr vertraut, ob Ungarn, England, die Schweiz oder Deutschland, doch über allen Orten liegt eine melancholische Patina. Die Wohnungen sind öde, dunkle Löcher, wahlweise in Betonklötzen oder verrottenden Altbauten, die Straßen sind Orte, in denen das Unheimliche lauert, die Menschen immer ein wenig auf Distanz gerückt. Die Gefahren, denen die Figuren ausgesetzt sind, verbergen sich dagegen nicht im unbekannten Raum, sondern in den Fallstricken falscher Erwartungen.

Die Hauptfiguren bleiben für den Leser ebenso fremde Menschen wie die Figuren einander, obwohl keine einzige dabei ist, die nicht faszinierend wäre. Die Qualitäten von Die Liebe unter Aliens entfalten sich nur langsam. Alle elf Erzählungen sind makellos erzählt, machen keine falschen Hoffnungen auf große Gefühle. Ein bisschen muss man sich in diese Melancholie allerdings verlieben wollen, um dieses Buch genießen zu können.

Terézia Mora: Die Liebe unter Aliens

Luchterhand

München 2016

272 Seiten, 22 Euro


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