Tobias Prüwer | Drucken05.07.2012 

Schöne neue Dystopie

Grausam intimes Hörerlebnis: „Die Tribute von Panem“ gibt’s jetzt als Akustikbuch

In einer denkwürdigen Beobachtung im Leviathan erklärt Thomas Hobbes, das menschliche Leben sei „ekelhaft, tierisch und kurz“. Das war 1651 ein guter Ausgangspunkt für eine Theorie der Gerechtigkeit, und ich fürchte, heute ist es nicht anders, da das Leben so vieler Menschen überall auf der Welt – dem erheblichen materiellen Fortschritt anderer zum Trotz – genau diese düsteren Züge trägt.
Amartya Sen: Die Idee der Gerechtigkeit


Gute Dystopien – ja, das klingt in einer Lesart seltsam, ist es in einer anderen aber nicht – sind selten, für Kinder und Jugendliche noch rarer. Zumeist vergaloppiert sich der oder die AutorIn nach einer gelungenen Eröffnung in eine zu beschwichtigte Erzählung oder schiebt die Narration in so fantastische Gefilde ab, dass mensch sich dort schwer als Mensch wiederfindet und eher wie durch einen Filter mitleidet. Suzanne Collins’ Trilogie Die Tribute von Panem nimmt sich davon angenehm unangenehm aus. Und obwohl bereits das Buch ein Bestseller war und die Adaption als Blockbusterfilmserie bereits in diesem Jahr anlief, ist auch die rein akustische Umsetzung gut gelungen. Fern davon, Abklatsch zu sein, gestaltet sie sich als grausam-intimes Hörerlebnis.

Der Inhalt wurde vielerorts extensiv wiedergegeben, darum sei dessen Skizze hier aufs Wesentliche beschränkt: In einem postapokalyptischen Nordamerika wird das Land Panem von einem diktatorischem Regime namens Kapitol beherrscht. Das Land ist in 13 Distrikte unterteilt und eine Art Kastenwesen dient als gesellschaftliche Ordnung. Damit die Menschen untertan bleiben, verfährt das Kapitol nach dem Motto Panem et circenses, also Brot und Spiele – was auch den Titel der Romane erklärt. An den Hungerspielen müssen jährlich je zwei Jugendliche pro Distrikt, die sogenannten Tribute, teilnehmen und sich einem Kampf auf Leben und Tod stellen. Denn ein Spiel endet erst, wenn es nur noch eineN ÜberlebendeN gibt. Fernsehkameras übertragen das 24/7-Gemetzel in die Wohnstuben der Panembevölkerung, die sich mehr oder weniger ein Fest daraus macht. In diese Gewaltorgie wird das Mädchen Katniss Everdeen hineingeworfen. Sie muss sich nicht nur hier hinauskämpfen, sondern mit ihrem Herzen und Verliebtheit, politischen Rankünen und dem Willen zur Revolte kämpfen.

Durch explizite Darstellung menschengemachter Grausamkeiten – natürlich angemessen für ein Jugendbuch – macht das Buch aus der Perspektive der Kämpferin Katniss systemische Gewalt sowie die Logik von Herrschaft eindrucksvoll plastisch. In der Hörbuchversion gelingt es Sprecherin Maria Koschny, den Stoff in seiner ganzen existenziellen Wucht ans LeserIn-Ohr zu tragen. Durch ihre gesprochenen Worte fühlt man sich ganz nah dran an der nicht enden wollenden emotionalen Achterbahnfahrt der Protagonistin. An diesem Beispiel wird deutlich, dass auch das Medium Hörbuch seinen Sinn haben kann, wenn man es ernst nimmt und nicht nur als unaufwendig zu bewerkstelligende Lesestunde begreift – denn mit ihm kann man höchst intensive Momente schaffen, die nicht immer schön sein müssen. Die Panem-Dystopie beweist es.

Die Gewalt wird zunehmend internalisiert, psychisiert und dadurch invisibilisiert. Sie entledigt sich immer mehr der Negativität des Anderen oder des Feindes und wird selbstbezüglich.
Byung-Chul Han: Topologie der Gewalt

Suzanne Collins & Maria Koschny: Die Tribute von Panem. Tödliche Spiele

6 CD, ca. 381 min.

Oetinger audio, Hamburg 2010, 24,95 Euro


Suzanne Collins & Maria Koschny: Die Tribute von Panem. Gefährliche Liebe

6 CD, ca. 396 min.

Oetinger audio, Hamburg 2010, 24,95 Euro


Suzanne Collins & Maria Koschny: Die Tribute von Panem. Flammender Zorn

6 CD, ca. 420 min.

Oetinger audio, Hamburg 2011, 24,95 Euro


www.dietributevonpanem.de

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