Tobias Prüwer | Drucken22.05.2010 

Die Vermessung der Innenwelt

„Freuds Jahrhundert“: Eli Zaretsky legt eine anschauliche wie facettenreiche Kulturgeschichte der Psychoanalyse vor

Wie gewaltig muß das Kulturhindernis der Aggression sein, wenn die Abwehr derselben ebenso unglücklich machen kann wie die Aggression selbst!
Siegmund Freund: Das Unbehagen in der Kultur

Anmaßend klingt der Buchtitel schon, unter dem Eli Zaretsky, Professor für Geschichte an der New School in New York, eine (Kultur-)Geschichte der Psychoanalyse schreibt. Und doch gelingt es ihm nicht nur einleuchtend, der Entstehung sowie den verschiedenen Verästelungen von Freuds Theoriegewebe um Ich, Es und Über-Ich begreiflich nachzuspüren. Er zeigt, wie die Psychoanalyse das Projekt der Aufklärung weitertreibt, indem sie die Rede vom Subjekt ernst nimmt und radikalisiert, weil sie nun nach dem Individuum fragt. Dabei leistet er Verzicht auf monokausale Erklärungsmuster für jeweilige Erfolge und Niederlagen beim Kampf um Anerkennung. Instruktiv sind die Schlaglichter, die Zaretsky auf die internen wie externen Spannungen wirft, mit denen die VertreterInnen der Theorie zu ringen hatten. Weil er sie nicht bloß als Theorie oder an der Biografie Freuds schildert, sondern in einen breiten kulturellen, sozialen und intellektuellen Kontext einbettet, werden die zahlreichen Wechselwirkungen zwischen jeweiligen Zeitgeist und psychoanalytischer Theorie sichtbar, welche sich schließlich in verschiedenen Strömungen aufspaltete.

Zaretsky berichtet von Freuds Entdeckung des Unterbewusstseins und damit dem persönlichen Leben, das im Gegensatz zum Korsett der heilen Familienwelt den Keim individueller Freiheit barg. Mit Anbruch der zweiten industriellen Revolution und der sch langsam formenden Konsum- und Massenkultur kam Freuds Theorie gerade richtig. Dennoch fand sie in Europa, daran war wohl ihr eher sektiererisches Auftreten um die Vaterfigur Freund und die Beargwöhnung durch die Politik und Medizin Schuld, nicht die erhoffte Verbreitung. Der Antisemitismus tat sein Übriges. In den USA erfuhr sie hingegen rasche Popularität – um den Preis der Verwässerung. Die psychoanalytische Sitzung war hier ein harmloses Plauderstündchen, das als Mobilmachung für die Arbeitswelt fungierte. Auf diese Art zeigte sich der Januskopf der Einsatzmöglichkeiten der Psychoanalyse: Sie konnte die Demokratisierung vorantreiben oder Werkzeug sozialer Kontrolle sein.

Die zahlreichen Versuche der Weiterentwicklung beziehungsweise Überwindung der Psychoanalyse werden nicht ausgeblendet. So berichtet Zaretsky von ihren Einflüssen auf die Frankfurter Schule, von Jacques Lacan, vom Verfechter des linguistic turn in der Psychologie und vom Abgesang in Gilles Deleuzes und Felix Guattaris Anti-Ödipus. War die „reine“ Psychoanalyse in den spätern 1960ern zur Orthodoxie versteinert, so konnten einzelne Ideen auch spätere Theorien inspirieren. Aus gesellschaftlichen Institutionen aber war sie weitgehend verschwunden.

Man muss Freuds Theorien nicht folgen oder sie auch nur für plausibel halten, um bei dieser aufschlussreichen Lektüre einigen intellektuellen Genuss zu erfahren. Dass Freud als einer der ersten auf die Differenz zwischen innerpsychischem Erleben und gesellschaftlicher Erwartung wie Wahrnehmung hinwies, ist als – von allem Gerede über anale Phasen und sexuell fixierter Traumdeutung abgesehen – emanzipatorische Leistung zu würdigen.

Eli Zaretsky: Freuds Jahrhundert. Die Geschichte der Psychoanalyse

DTV, München 2009

621 S. – 17,40 €


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