Tobias Prüwer | Drucken06.02.2010 

Anschlussvarianten

Die „Wie weiter mit ... ?“-Bände des Hamburger Instituts für Sozialforschung fragen nach der Aktualität von DenkerInnen

Das Problem der heutigen philosophischpolitischen Szene läßt sich am besten in Lenins alter Frage bündeln: "Was tun?"

Slavoj Žižek: Das Fragile Absolute

"Was soll ich tun?", formulierte Kant die ethische Suche nach dem guten Leben, die im berühmten Kategorischen Imperativ mündete. "Was tun?" titelte Lenin in seinem Hauptwerk und gab sogleich die revolutionäre Antwort. Und Fallada fragte angesichts der Wirtschaftskrise 1929: Kleiner Mann - was nun?

In diese Linie Auskunft erbittender Bücher stellt sich auch die Reihe Wie weiter mit ... ? Die insgesamt acht Bändchen beschäftigen sich mit für die Gesellschaftsforschung wichtigen Denkern und einer Denkerin der vergangenen zwei Jahrhunderte. Hervorgegangen aus Einzelvorträgen, ist die gemeinsame Basis der Texte die Frage, wie man diese AutorInnen neu lesen und interpretieren kann oder muss, um mit ihnen eventuell Einsichten für die Gegenwart und Arten der Gesellschaftsanalyse bzw. -beschreibung zu finden. Ob diese DenkerInnen wirklich den Kanon der Sozialwissenschaften ausmachen, darf bezweifelt werden. An ihnen kommt allerdings schwerlich vorbei, wer sich mit dem kritischen Denken von Gesellschaft befasst.

Mit Karl Marx (Autor: Heinz Bude) lässt sich demnach weiter nach dem guten Leben fragen. Forderungen nach Gerechtigkeit, einer anderen Ordnung, einer kommenden Demokratie sind - mit Derrida gesprochen - Marx' Gespenster, die nicht aufhören, über Europa hinaus umzugehen. Mit Max Weber (Ulrich Bielefeld) können spätmoderne Staatsformen als Strukturen widerstreitender Antagonismen begriffen und die kleinen Residuen von Freiheit in den Blick genommen werden. Aktuell ist noch immer Émile Durkheims (Matthias Koenig) Frage nach dem sozialen Band, welches das Soziale als Geflecht zusammenhält bzw. noch zusammenhalten kann. An Sigmund Freuds (Jan Phillipp Reemtsma) Einsicht, dass Kultur und Barbarei, Zivilisation und Aggression zur condition humain gehören, sollte man festhalten und sich vom simplen Lob eines wie auch immer gearteten Zivilisationsprozesses verabschieden. Ein politisches Agieren wie es Hannah Arendt (Rahel Jaeggi) vorschwebte, als prozesshaftes Aushandeln, immer wieder neu Justieren und Gestalten bietet sich gerade dort an, wo man nicht nur auf ein Ereignis warten, sondern mit allen möglichen Irrungen selbst politisch aktiv sein will. Mit Theodor W. Adorno (Wolfgang Bonß) ist die herrschaftskritische Stoßrichtung der Gesellschaftswissenschaft beizubehalten. Mit Niklas Luhmann (Armin Nassehi) kann es gelingen, ein schlüssiges Beschreibungsmodell einer nicht-geschlossenen Gesellschaft anzufertigen, welches die Verschiedenheiten sozialer Räume und Positionen nicht einebnet - sei es durch geschichtsphilosophische Spekulationen oder normative Korsagenbänder. Und mit Michel Foucault (Philipp Sarasin) schließlich lässt sich darauf insistieren, dass Denken/Schreiben und die Welt beziehungsweise die (politische) Wirklichkeit sehr wohl miteinander zu tun haben und genealogische "Herkunftsgeschichten" einiges über die Legitimation der Gegenwart enthüllen. So wie Geschichte nicht absichtsvoll ist, so ist sie dennoch Produkt des menschlichen - über-individuellen - Handelns und somit veränderbar.

Die acht Bändchen sind kleine Einführungslektüren, die nicht umfassend oder auch nur überblickshaft darstellen wollen, aber jeweils einen spannenden Einstieg in die Arbeiten und Denkfelder der ProtagonistInnen bilden. Dass bis auf Hannah Arendt nur Denker als maßgeblich versammelt sind, liegt am Gefüge der damaligen Zeit. Warum sich aber auch heute eine Frau einer Frau widmen muss und der Rest der Beiträge von Männern besorgt wird, muss man als zeitdiagnostischen Hinweis deuten.

Hamburger Institut für Sozialforschung (Hg.): Wie weiter mit ... ?

Hamburger Edition
Hamburg 2008
8 Bd. in einer Kassette - 15 €

www.hamburger-edition.de

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