Fabian Stiepert | Drucken13.10.2016 

Rauchende Rebellen

In ein paar Tagen wird in Frankfurt wieder der Deutsche Buchpreis verliehen. Almanach-Autor Fabian Stiepert hat zwei der Nominierten gelesen und war begeistert

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Katja Lange-Müller: Drehtür

Das Werk der Ostberlinerin Katja Lange-Müller ist schmal, aber gewichtig. Vor fast einem Jahrzehnt erschien ihr eigenwillig melancholischer Liebesroman Böse Schafe und erntete Beifall von Kritik und Publikum. Rechtzeitig zur diesjährigen Herbstsaison stand nun ihr neuer Roman Drehtür in den Buchläden und erneut war das Echo nahezu einheitlich positiv.

Heldin des kompakten, aber trotzdem sehr gehaltvollen Buchs ist die Krankenschwester Asta Arnold. Asta war über zwei Jahrzehnte für verschiedene Hilfsorganisationen in Nicaragua tätig und ist mehr oder weniger unsanft von ihren Kolleginnen und Kollegen sowie der Klinikleitung „gegangen worden“. Ihre Arbeit fiel – vielleicht auch einer einsetzenden Altersschusseligkeit geschuldet – immer unzuverlässiger und fehlerbehafteter aus. Also gab man ihr ein Ticket ohne Rückfahrschein nach Europa. Soll sie doch schauen, wie sie sich in München zurück ins Leben wurschtelt. Kurz gesagt: Undank ist der Welten Lohn.

Das einzige, was Asta mit nach Deutschland geschmuggelt hat, ist eine Stange Camel-Zigaretten. Vor der titelgebenden Drehtür des Münchener Flughafens raucht sie genüsslich, aber auch von der Sucht getrieben eine nach der anderen und beobachtet die Passagiere und Angestellten, die den Airport bevölkern. Fast jeder, der in ihr Blickfeld gerät, scheint einen glasklaren Erinnerungsfilm hervorzurufen. So erinnert sie sich beim Anblick eines Asiaten sofort an eine Episode aus ihrer Ausbildungszeit in Leipzig. Damals las sie einen verwirrt wirkenden Asiaten auf der Straße auf und hoffte auf ein erotisches Intermezzo. Welch überraschende Wendung diese Anekdote dann aber nimmt, bleibt unverraten. Zumal sie Lange-Müllers Ruf als gewiefte Erzählerin vortrefflich untermauert.

Ebenfalls bemerkenswert ist die Geschichte einer mit Asta befreundeten Autorin. Diese gerät über eine Begegnung auf der Buchmesse an eine indische Schriftstellerin, die sie prompt in ihr fernes Heimatland einlädt. Dass diese Einladung nicht nur aus reinem Spaß an der Freude und leidenschaftlicher Gastfreundschaft heraus erfolgt, wird schnell klar, als Astas Freundin für ein karitatives Projekt in Indien eingespannt werden soll.

Es mag sein, dass Drehtür eher eine Art Erzählungsreigen als ein Roman ist. Das nimmt diesem Buch aber keineswegs seinen Reiz. Im Gegenteil: Es steigert ihn sogar, zumal dieses narrative Verfahren und Jonglieren mit mehreren Geschichten (allesamt rund um den Begriff der „Hilfe“ herum gestrickt) Katja Lange-Müllers poetologisches Verfahren veranschaulicht, welches sie in einer Poetikvorlesung als „Brühwürfel“ umschrieben hat. Viel Inhalt, kunstvoll auf wenig Raum kondensiert und der Leser kann sich daraus etwas sehr Erkleckliches zusammenbrauen.

Schade, dass es Drehtür nur auf die zwanzig Titel umfassende Longlist des Deutschen Buchpreises geschafft hat. Katja-Lange Müller erzählt mit viel Witz, aber niemals plump von den schönen und enttäuschenden Momenten des Lebens. Die dabei von ihr eingeflochtenen Betrachtungen zu unser aller Sprachgebrauch sind das Sahnehäubchen auf der aus dem Brühwürfel entstandenen, sehr schmackhaften Textsuppe.

Katja Lange-Müller: Drehtür

Erschienen bei Kiepenheuer und Witsch

224 Seiten, 19 Euro


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Bodo Kirchhoff: Widerfahrnis

Bodo Kirchhoffs Novelle Widerfahrnis hat den Sprung auf die sechs Titel umfassende Shortlist des Deutschen Buchpreises geschafft und hat neben Thomas Melles Die Welt im Rücken gute Chancen auf die heiß begehrte Auszeichnung. Würden Kirchhoff oder Melle gewinnen, wären ihre Bücher der erste Sieger-Titel, der ohne die Etikettierung als Roman auskommt. Fast schon eine kleine Revolution.

Das Geschehen, die konkrete Widerfahrnis, setzt bei Kirchhoff mitten am Abend ein. Der ehemalige Verleger Reither hat nach der Schließung seines Verlags eine schicke Eigentumswohnung am Rande der Alpen bezogen. Wie ein einsamer Wolf streift er durch seine Wohnung, raucht und genießt einen guten Tropfen aus Apulien. Auf einmal klopft es an seiner Tür, die er zögerlich öffnet. Es ist seine Nachbarin Leonie Palm, die ebenfalls ihr Geschäft als Hutmacherin in München aufgegeben hat. Sie möchte mit ihm über den von ihr abgehaltenen Lesekreis sprechen.

Völlig unerwartet teilt Reither seinen Vorrat an Zigaretten und apulischem Rotwein mit seinem plötzlichen Besuch. Man könnte fast meinen, die beiden verstünden sich blind, wenn da nicht die Tatsache wäre, dass Leonie Palm einst unter Pseudonym ein Manuskript in Reithers Verlag einreichte, in dem sie den Verlust ihrer Tochter literarisch aufgearbeitet hat.

Doch es bleibt nicht bei Wein und Zigaretten in der reitherschen Wohnung. Noch in der gleichen Nacht brechen die beiden auf, kapern Leonies Cabriolet und starten einen spontanen Roadtrip nach Italien. Was als Feier der Freiheit beginnt, stellt die aufkeimende Liebe der beiden auf die Probe. Wie umgehen mit den Flüchtlingen, die immer wieder den Wegesrand der italienischen Landstraßen passieren? Als sich Reither und Palm den Sorgen und Nöten eines Flüchtlingsmädchens annehmen, verkompliziert sich die Lage der beiden noch weiter.

Widerfahrnis ist ein weiteres Zeugnis von Bodo Kirchhoffs unschlagbaren Fähigkeiten als Erzähler. Wer seinen vorletzten, grandiosen Roman Die Liebe in groben Zügen gelesen hat, der weiß, dass sich der Frankfurter hinter den großen Amerikanern wie Jonathan Franzen oder John Updike nicht zu verstecken braucht.

Doch diese Novelle schultert nicht nur das ewige Thema der Liebe und brandaktuelle Geschehnisse wie die momentanen Flüchtlinge. Kirchhoffs auktoriale Erzählerinstanz greift quasi auch immer wieder in den Erzählfluss ein. Wenn es zu kitschig werden könnte, unterbricht sie sich selbst. Wenn die Detailfülle ins Beliebige abzudriften droht, heißt es schlicht, dass es nun zu viel wird für das Buch. Man könnte meinen, dass sich dahinter Kirchhoffs jahrelange Erfahrung als Drehbuchautor verbirgt und sich als mahnendes Gewissen verkleidet hat.

Es wäre wirklich schön, wenn die Entscheidung der Buchpreis-Jury auf dieses Buch fiele. Kirchhoff ist zwar seit Jahren ein im Literaturbetrieb verankerter Autor, aber trotz vieler allgemein bejubelter Bücher blieb ihm der große Lorbeer bislang verwehrt. Vielleicht könnte die Auszeichnung dafür sorgen, dass sich Bodo Kirchhoff vom donnernden, altersstarrsinnigen Kulturpessimismus („Es gibt mittlerweile mehr Schreibende als Lesende!“) abwendet. Diese Attitüde ist nämlich das einzige, was an diesem großartigen Autor und seinen Büchern gelegentlich ein wenig nervt.

Bodo Kirchhoff: Widerfahrnis

Erschienen bei der Frankfurter Verlagsanstalt

224 Seiten, 21 Euro


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