Fabian Stiepert | Drucken15.03.2016 

Anekdoten von der Literaturpäpstin

Die beliebte Literaturkritikerin Elke Heidenreich erzählt in kurzen Texten aus ihrem Leben. Almanach-Autor Fabian Stiepert verneigt sich vor der Autorin

Wenige prominente Menschen haben mich so geprägt wie Elke Heidenreich es mit ihrer unter unglücklichen Umständen abgesetzten ZDF-Sendung „Lesen!“ getan hat. Ich, damals 15 Jahre alt, kann mich noch sehr genau daran erinnern, wie in der ersten Sendung Harald Schmidt zu Gast war und den Roman Zwölf des damals noch blutjungen Nick McDonnell empfahl. Direkt am nächsten Tag ging ich in die Buchhandlung, besorgte mir das Buch, fing an zu lesen, und habe bis heute nicht aufgehört, mich regelmäßig mit Lesefutter einzudecken. Da sage noch einer, dass Fernsehgucken nur schlechtes bewirkt.

Von McDonnell hörte man danach nicht mehr viel (zwei weitere Romane sind auf Deutsch erschienen, ohne dass es jemand großartig mitbekommen hätte) und auch Schmidt und Heidenreich sind im Fernsehen kaum noch präsent. Höchstens Heidenreichs Skandälchen im Schweizer Literaturclub im Rahmen der Diskussion zu Heideggers schwarzen Heften bekamen sehr aufmerksame Beobachter in Deutschland im Jahr 2014 mit. Im Gegensatz zum damaligen Moderator Stefan Zweifel nimmt Heidenreich allerdings noch heute alle paar Monate an der Sendung teil.

Nichtsdestotrotz hat mich Heidenreichs Sendung bis zu ihrer Absetzung Ende 2008 stets begleitet. Ja, ich habe ihr sogar ein wenig entgegengefiebert, weil es damals noch nicht so gängig war wie heute, kurz vor der Ausstrahlung einer Literatursendung vorab im Internet zu verraten, welche Bücher besprochen werden. Dabei trifft in Heidenreichs Fall das Verb „besprechen“ gar nicht so sehr zu, waren es doch immer mehr Empfehlungen, die sie aussprach. Heidenreichs Rolle war damit mehr eine vermittelnde als die der Kritikerin und selbst wenn sie manches Buch empfahl, das schwer nach Kitsch roch, so habe ich ihr wie die meisten anderen Zuschauer immer jedes Wort geglaubt. Elke Heidenreich machte in ihrer Sendung, die mit 30 Minuten stets zu kurz ausfiel, den authentischen Eindruck einer Ein-Frau-Armee für die gute, wahre und schöne Sache der Literatur. Die Lässigkeit ihrer schnellen, aber nie gehetzten Rhetorik sucht im Kulturbetrieb ihresgleichen.

Seitdem Elke Heidenreich nicht mehr so präsent ist im Medium Fernsehen (über ihre Gastauftritte bei „Verbotene Liebe“ und beim Hundetrainer Martin Rütter legen wir einfach mal den Mantel des Schweigens), schreibt sie auch wieder mehr. Heidenreich hat dabei stets betont, dass ihr das Schreiben so viel schwerer falle als das freie Sprechen vor den Kameras. Laut ihrer Aussage nehmen ihre schmalen Bücher oft Jahre der Arbeit in Anspruch. Wie lange sie für ihr neuestes Buch Alles kein Zufall gebraucht hat, würde interessieren, da es in seiner Form so auffällig ist.

In weit über 100 sehr kurzen Texten berichtet Elke Heidenreich aus ihrem Leben. Manchmal sind es nur kurze, in der U-Bahn aufgeschnappte Dialoge, manchmal ganze existentielle Mini-Dramen, untergebracht auf ein bis zwei Seiten. Herzzerreißend sind die Geschichten, wenn von den Irrungen und Wirrungen der Liebe erzählt wird. So hat Heidenreich einst stundenlang vor einem Briefkasten ausgeharrt, um bei der Abholung ihren Brief wieder heraus zu fischen, der sonst ein großes Übel verursacht hätte. Schockierend hingegen ist die Erzählung, wie ein junges Mädchen von ihrer Mutter mit allen Mitteln dazu gezwungen wird, an der heimischen Tafel Fisch zu essen. Ob es Heidenreich einst selbst so ergangen ist, lässt sie diskret im Verborgenen. Dieses insgesamt versöhnliche Buch ist nicht der rechte Ort, um die vom Krieg zerrüttete Generation ihrer proletarischen Eltern anzuklagen. Aber auch zum Brüllen komisch können diese Prosaminiaturen ausfallen, wenn Heidenreich kunstvoll den Unterschied der Denke des Feuilletons im Gegensatz zum gemeinen Leser, Konzertbesucher und Theatergänger aufzeigt.

Alles kein Zufall ist ein biographisches Glanzstück, wie es schon lange keins mehr gegeben hat. Die Literaturpäpstin Heidenreich zeigt sich unprätentiös altersweise, angenehm mild und in Anbetracht von komplizierten Liebesgeschichten und einer überstandenen Krebserkrankung erstaunlich gelassen. Möge sie noch lange wirken und andere Menschen, wie mich einst, zum Lesen bringen, denn ihre Reichweite in Sachen Literaturvermittlung ist bis heute unerreicht und es ist auch kein wirklicher Nachfolger in Sicht. Auch wenn die großen Fernsehzeiten der Elke Heidenreich, in denen ihre Empfehlungen in der Regel zu Bestsellern wurden, vorbei sind, so würde ich mich über einen weiteren Band mit Geschichten, egal ob autobiographisch oder nicht, außerordentlich freuen.

Elke Heidenreich: Alles kein Zufall

Hanser

München 2016

240 S., 19,90 Euro


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