Fabian Stiepert | Drucken17.04.2014 

Wer Edelmetalle schmeißt, wird Häme ernten

Ein literarisches Totalversagen: Fabian Hischmanns Debütroman „Am Ende schmeißen wir mit Gold“

Unter normalen Umständen ist es ja ganz positiv, wenn man über ein Buch schreiben kann, dass es wie die Faust aufs Auge zu einer aktuellen Debatte passt und dazu sogar noch etwas entscheidendes beizutragen hat. Der Debütroman von Fabian Hischmann mit dem etwas zu lang geratenen Titel Am Ende schmeißen wir mit Gold gibt aber wiederum nur all den Kesslers und Billers Recht, die momentan in den Feuilletons den literarischen Einheitsbrei der in den Hildesheimer und Leipziger Schreibschulen herangezüchteten „Literaturwichsmaschinen“ offen und ehrlich kritisieren.

Fabian Hischmann, der sowohl in Hildesheim wie in Leipzig die Universität besucht hat, beweist mit seinem ersten Roman bravourös eine Tatsache: Die Adoleszenzromänchen, die die Schreibschulen-Zuchtgewächse so hervorbringen, sind eigentlich weder der Lektüre noch der Rede wert. Aber ein so komplett misslungenes, überkonstruiertes und banales Werk wie Hischmann zu schreiben und das dann auch noch unter dem durchaus ehrenwerten Banner des Berlin-Verlags auf den Markt zu bringen, das zeugt schon fast von Unverschämtheit seitens des Autors wie auch des großen Verlagshauses, das da hinter ihm steht.

Vielleicht – en bref – die größtenteils langweilige, wie auch streckenweise hanebüchene Handlung: Held und Ich-Erzähler Max Flieger lebt als junger, fertig ausgebildeter Lehrer ein langweiliges Leben. In den Sommerferien hat Max Flieger nichts anderes zu tun als auf dem Sofa lethargisch herumzuhängen und sich die Zeit mit dem Anschauen von Tierfilmen zu vertreiben. Aber – huch! – da rufen Fliegers Eltern an, die spontan auf Kreta urlauben wollen und für diese Zeit jemanden brauchen, der Haus und Hund hütet. Also warum dafür nicht den immer noch im geistigen Wachstum steckenden Sohn fragen, ob er das übernimmt? Der Sohnemann kennt ja auch immer noch ein paar Leute, die in dem Provinznest, aus dem er stammt, geblieben sind, und wird sich demgemäß nicht langweilen müssen. Im süddeutschen Kaff angekommen, trifft er seine Ex-Freundin Maria, die mittlerweile in einer hippieartigen Bauernhof-Kommune lebt. Alte Geschichten werden seitens des Erzählers wieder rausgekramt. Geschichten, wie sie wohl jeder Endzwanziger in seiner Kindheit und Jugend erlebt hat (Parties, Entjungferungen, Prügeleien; unnötige Mühsal, diesen Teil des Romans noch detaillierter wiederzugeben).

Um diesen entlang des Hemingway-Mottos „Write about what you know!“ geschriebenen Plot etwas aufzupeppen, müssen Max Fliegers Eltern dramatisch bei einer Gasexplosion den Tod finden. Also reist der Held für längere Zeit nach Kreta und später noch nach New York, um dort ein sich selbst eingeredetes Trauma zu bewältigen. Tja, wenn einem aus der eigenen Reife- und Erfahrungsarmut heraus nichts mehr einfällt, lässt man als Autor den Held der Geschichte einfach ein wenig Taxi Driver für Arme spielen.

Nun wäre es aber unfair, einem Debütanten ausschließlich seine banale und zugleich überkonstruierte wie unauthentische Handlung zum Vorwurf zu machen. Am meisten treibt einen in diesem großzügig auf 250 Seiten hochgedruckten Roman die wirklich miserable Sprache in den Wahnsinn, die nicht ansatzweise Eigenes bietet, sondern durchgängig bei anderen abgeschaut wirkt. Noch nerviger ist das, wenn vieles nur schludrig und vage beschrieben dem des Denkens fähigen Leser vor Auge geführt werden soll. So sitzt an einem Tisch eine „weibliche Person“. Ja was denn nun? Ein Mädchen, eine junge oder eine alte Frau? Anderes Beispiel für missratene Sprache: Räume sind „sonnendurchflutet“ in Max Fliegers Welt. Das ist allerschlimmste Reisekatalogsprosa, mit der man versucht, alten Rentnern ein versifftes Hotelzimmer schmackhaft zu machen. Hischmann denkt allen Ernstes, dass man damit die Küche eines Bauernhauses in seiner ganzen Pracht erfasst. Sowieso sucht Hischmann in seinem Erzählverfahren immer wieder Schutz im Ungewissen, Undeutlichen und Ungenauen. So hat man als Leser keinen blassen Schimmer, woher auf einmal die prompt einsetzende Begierde für den alten Jugendfreund Jan herkommt, in den sich der hormonell durcheinander gewirbelte Max Flieger ohne auslösendes Moment verguckt (dabei hätte man daraus garantiert eine mitreißende Tour de Force der Gefühle machen können!). Man ist schnell verführt, Folgendes zu denken: Das Suhlen in Toleranz, was freie Sexualität anbelangt, scheint hier hinter nachvollziehbaren Erzählansätzen zurück zu stehen. Da kriegt man nur noch schneller Sehnsucht nach selbstbewusst oppositionellen Sprachartisten wie Arno Schmidt oder Reinhard Jirgl.

Am Ende schmeißen wir mit Gold ist wirklich ein ganz und gar unreifes Debüt geworden, so kindisch und weinerlich geht es hier zur Sache, dass man kaum glauben kann, dass Fabian Hischmann schon das dreißigste Lebensjahr vollendet hat. Wer kann schon einen Autor ernst nehmen, der seine gleichaltrigen Protagonisten „Wahrheit oder Pflicht“ spielen oder beim Betreten eines rustikalen Bauernhauses folgende Feststellung machen lässt: „Mit fällt auf, dass die meisten Möbel aus Holz sind, (...)“. Letzterer Satz ist aufgrund seiner kaum zu überbietenden Dummheit (oder sind die Bauernhäuser unserer Zeit bis zum Dachboden mit IKEA-Plastikmobiliar vollgestellt?) fast schon zum Lachen, wenn die Tatsache, dass man diese 250 Seiten Literatur-Impotenz tatsächlich gedruckt und auch noch für den Preis der Leipziger Buchmesse nominiert hat, nicht so traurig wäre.

Fabian Hischmann: Am Ende schmeißen wir mit Gold

Berlin Verlag

Berlin 2014

256 Seiten – 18,99 €


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