Holger Leisering | Drucken28.03.2014 

Ausweichmanöver

Oder: Warum von Schierachs von Eschburg kein Mörder ist und auch sonst wenig

Von Schirach, geboren 1964 in München, galt bereits als prominenter Anwalt, als er mit 45 Jahren mit einem Bändchen Kurzgeschichten debütierte. 2009 veröffentlichte er das Buch Das Verbrechen, das 54 Wochen auf der Bestsellerliste des Spiegels verblieb. Es folgte der Kriminalroman Tabu.


Die Szenerie war Abschied: das Schloss, die Jagd und der so isolierte wie verarmte Adel, der Vater, der sich standesgemäß beim Reinigen der Jagdwaffe erschoss. Der letzte Spross derer von Eschburg bleibt dank eines Stipendiums auf dem Internat. Fontane schaut da mit hinein, auch wenn es eine andere Mark, also Grenze ist, nämlich die Grenze zur Schweiz. Der Chinese, der bei von Imstetten im oberen Stockwerk spukt, wird hier etwa durch die tunesische Köchin ersetzt.

Nun mag einen der Suizid des Vaters anrühren, auch wird ein Junge verständlich, der den toten Vater idealisiert. Nicht verständlich aber wird, wenn die Welt nicht aufklappt zwischen all diesen Seiten. Eigenartig zeitlos gaukelt die Handlung vorüber, die Geschichte derer von Eschburg wird angerissen, endet aber mit einem adligen Eschburg als Passagier auf der Titanic, so viel Moderne war gerade noch zulässig. Die Verstrickungen oder möglicher Widerstand im Dritten Reich sind genau so wenig ein Thema, wie das Jahr 1968 das Gymnasium des Paters berührt hat. Wo bleiben nun wirklich die Lesestoffe des Gymnasiasten, wenigstens der Aufbruch mit Hermann Hesse oder ein wirr verstandener Kerouac? Für den Balduar, der für Hitler durch Nacht und Not reimte, darf man den Enkel nicht verantwortlich machen, auch soll er nicht die Anklage und das Thema erben, aber so einfach im Roman zu kneifen – wie abgebrochen das wirkt.

Freunde auf dem Dorf rufen, erzählen von einem Floß, man verständigt sich noch während der Beerdigung, aber Spielgefährten sind das nicht, alles nur wie hinter Glas, wirklich erzählt aus Kindheitserlebnis wird nicht. Nach der Klosterschule begann er die Lehre als Fotograf, natürlich so edel und abgehoben, wie von diesem Roman nicht anders zu erwarten, aber zumindest offenbart sich eine Art magischer Realismus: „Er experimentierte, bis seine Bilder den weichen, warmen Ton bekamen, der alle anderen Farben in seinem Kopf beruhigte. Der Fotograf sagte, Eschburg müsse revolutionär sein, Kunst müsse provozieren und zerstören, das sei der Weg der Wahrheit.“

Da wird viel Theorie der Fotografie darum gesponnen, in sepia-braunen Fotografien bürgerliche Verzerrungen postuliert; letztendlich ganz deftig, fremde Männer, die ihr Ejakulat für Pornofilme sowieso umsonst zu geben gewillt sind und so das Ejakulat auf der Geliebten hinterlassen. Dann kommt die nächste Stereotype: Wer hat’s gekauft? Der Japser, der Deppert, hat es der Luxusgalerie aus den Händen gerissen.

Wo der sepia-braun entrückte, weltfremde und mehr oder minder unglaubwürdige Ton auf die Nerven geht, kommen auf Seite 135 mit Monika Landau endlich normale Umgangsformen und fast Wirklichkeitstöne in den Roman. Schade nur, dass der Autor mehr der Berichterstatter bleibt, bis Biegler auftaucht. Biegler menschelt geradezu erstaunlich vor sich hin; wenn er auch in Wahrheit ein bisschen altbacken ist, sind wir ihm dankbar, dass er überhaupt lebt und ein paar Schrullen und Unzulänglichkeiten hat.

Was mag das für ein Autor sein? Bei diesem Fotograf, von Eschburg, war es am Ende alles nur ein Trick, auch seine Halbschwester lebt und mit dem Berühmtsein wird es nun. Der Rest sind alte Leute, relativ saturierte und im sprachlichen Stillstand ihrer Herkunft. Niemand quatscht mal abgefahren, und irgendein Harry, der was am Laufen hat, dem was vom LKW gefallen ist oder der anderweitig einen Dreh riskiert – all die Geschichten, die der Alltag auf dem Kiez wie von alleine schreibt, so was wünscht man sich hier fast – Fehlanzeige!

Immerhin müssen doch am Herrn Strafverteidiger diese Menschen vorbeigekommen sein, mit dem brachialen Wortschatz und den Erlebnissen, an denen er sich hätte bedienen können. Statt dessen schwimmt diese sepia-braune Familiengeschichte unwahrscheinlich dröge vorüber, der puffige Porno-Effekt bedeutet leider hier so wenig Neues – was für Drehbuch und Fernseherfolg hinreichen mag – nur nicht zur Freude am Lesen!

Immerhin muss es Ferdinand von Schirach etwas bedeutet haben, diese Gestalt zu schaffen und diesen Roman zu schreiben. Kann der Autor aus dem eigenen Käfig des Ichs nicht fliehen? Obwohl als realistischer Roman angelegt, hat sein Protagonist von der Künstlichkeit gewisser Science Fiction. Bizarr, dass ausgerechnet das Ejakulat auf der Fotografie echt sein musste für Majas Männer. „Glauben Sie mir“, sagt sie: „Sebastian ist kein Mörder.“ Das glaubt man sofort, denn Mörder schreien, weinen, fluchen, verhöhnen oder bereuen, Mörder sind Leidenschaft, nicht dieses Ausweichmanöver über 245 Seiten.

Ferdinand von Schirach: Tabu

Piper

München 2013

256 S. – 17,99 Euro


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