Fabian Stiepert | Drucken29.09.2016 

Beziehungsweise

Die vor drei Jahren verstorbene Almut Klotz hat mit „Fotzenfenderschweine“ ein Fragment gebliebenes Buch über ihre Beziehung mit Christian Dabeler hinterlassen

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Almut Klotz ist keine Künstlerin, Songwriterin und Autorin, deren Name jeder sofort mit einem zweifelsfreien Kenne ich! quittiert. Aber sie tritt an sehr prominenter Stelle in einem der wichtigsten Bücher der letzten zehn Jahre auf. In Wolfgang Herrndorfs zutiefst anrührendem Blog Arbeit und Struktur bildet einzig und allein der Name Almut den letzten Eintrag am 20. August 2013. Nur sechs Tage später ging Herrndorf am späten Abend zum Hohenzollernkanal und erschoss sich, um dem zunehmenden geistigen wie körperlichen Abbau durch einen Hirntumor Einhalt zu gebieten. Almut Klotz verstarb elf Tage zuvor ebenfalls an den Folgen einer Krebserkrankung.

Nun hat der Berliner Verbrecher Verlag Almut Klotz´ letztes, jedoch nicht fertig gestelltes Manuskript veröffentlicht. Es trägt den markig-derben Titel „Fotzenfenderschweine“ und erzählt von Klotz´ Liebesbeziehung mit dem Hamburger Künstler Reverend Christian Dabeler. Es ist eigentlich der übliche Liebestaumel aus erstem Kennenlernen, dem Nichtwissen darüber, woran man ist und dem ersten Austausch von Zärtlichkeiten. Es ist aber keine rosarote Romantikwelt, die Almut Klotz zeigen möchte. Sie macht zugleich keinerlei Halt vor Missverständnissen, Streitereien und künstlerischen Differenzen, wenn die beiden musikalisch oder für Lesungen zusammengearbeitet haben.

Almut Klotz hat früher mit Christiane Rösinger die legendären „Lassie Singers“ gegründet und schon die waren bekannt für ihre ausgeprägte Skepsis gegenüber der romantisch gefärbten Liebe. Textzeilen wie Liebe wird oft überbewertet oder Pärchen verpisst euch, keiner vermisst euch sprechen eine mehr als eindeutige Sprache, sind zugleich aber auch von einer unbestrittenen Ironie gefärbt.

Kein Wunder also, dass Fotzenfenderschweine in seiner Betrachtung von Liebe und Beziehung so ambivalent ausfällt. Verwunderlich hingegen, dass Klotz Christian Dabeler auch geheiratet hat. So recht passen mag das nicht zu den beiden Künstlertypen, deren Nachfahren in Anbetracht von überzogenen Großstadtmieten und Gentrifizierung offenbar auszusterben drohen, während das porträtierte Paar in den 1980er Jahren den leer stehenden Wohnraum in Berlin und Hamburg zur kreativen Entfaltung nutzen konnte.

Es ist schade, dass Almut Klotz dieses Buch nicht mehr fertig stellen konnte. Ein abschließendes Urteil über die Jahre mit Dabeler wird bedauerlicherweise nicht gefällt. So bleibt auch sehr unklar, was die Beweggründe dafür waren, dass die Arbeit an diesem Buch überhaupt begonnen wurde. Trotzdem lohnt sich die Lektüre. Fotzenfenderschweine (was der Titel bedeutet, möge jeder selbst herausfinden) erlaubt einen ehrlichen, nahezu ungekünstelten Blick in das Beziehungsleben zweier Individualisten, denen Unabhängigkeit stets das wichtigste war. Warum sich trotz des Wunsches nach Unabhängigkeit das Wagnis der Liebe lohnt, davon erzählt dieses Buch wie kein zweites.

Almut Klotz: Fotzenfenderschweine

Erschienen im Verbrecher Verlag 2016

135 Seiten, 19 Euro


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