Roland Leithäuser | Drucken09.02.2002 

Statussymbole, Drogenkonsum und die Widerwärtigkeit der Mitmenschen

Frédéric Beigbeder schämt sich nicht, das makabre Narrenkleid des Fin de siécle zu tragen

Zehn Jahre harrte Frédéric Beigbeders Debütroman seiner Übersetzung - zu Recht. Im Fahrwasser der literarischen Triumphe Michel Houellebecqs war zunächst sein skandalumwitterter Zeitgeistroman 99 Francs (Rowohlt 2001) erschienen. Im Nachgang betritt jetzt Beigbeders Erstling als Paperback den deutschen Buchmarkt.

Glänzte schon 99 Francs weniger durch Sprachgewalt als vielmehr durch den massiven Einsatz von den Stereotypen der Werbewelt nachempfundenen Slogans, so verzichten auch die Memoiren eines Sohnes aus schlechtem Hause fast zur Gänze auf eine nachvollziehbare Handlung. Statt dessen hat der Leser teil an den adoleszenten Eskapaden des Parisers Marc Marronier, der wie ein männliches Pendant zu Katja Keßler sein Hobby zum Beruf macht und im Namen zeitgeistbewußter Magazine vom Nachtleben der In-Crowds berichtet. Diese Berichte kommen im Roman, der keiner ist, nur marginal zum Ausdruck, vielmehr ergeht sich der Protagonist und Erzähler in abgeschmackten Tiraden über die Widerwärtigkeit seiner Mitmenschen, die Wichtigkeit von Statussymbolen, hartem Sex und eines extensiven Spektrums von Drogen.

Läßt schon die relative Kürze des Werks die Bezeichnung "Roman" kaum zu, so bleibt der aufmerksame und literarisch kundige Leser am Ende ratlos zurück ob der Frage, um welche Form literarischer Prosagattung es sich bei Beigbeders Erstling handelt. Eine Erzählung mag es sein, obschon kaum novellistisch zu nennen, dafür mangelt es dem Text schlichtweg an Handlung. Zudem drängt sich der Eindruck auf, Beigbeder habe beim Verfassen des dürftigen Manuskripts kein rechtes Interesse an seinen Figuren gehabt: zu beliebig agieren sie, zu platitüdenhaft wirkt ihr Erscheinen und Handeln. Die Liebe Marcs zu dem High-Society-Girl Anne bietet zwar den Aufhänger zu einer Liebesgeschichte in der Manier des Dekadenzromans, doch scheint es Beigbeder selbst bei der Komposition dieses Erzählungsmotivs zu mühsam gewesen sein, sich den Figuren und ihren Gefühlen eingehender zu widmen.

Der Kenner zeitgenössischer (französischer) Literatur mag hier einwenden, im Zeitalter eines global kultivierten, postmodernen Nihilismus müsse man neuen Konzepten von Erzählstruktur und natürlich auch Autorschaft insgesamt Rechnung tragen und Beigbeder als epigonalen agent provocateur dieser französischen Postmoderne anerkennen. In der Tat liest sich die Prosa des ehemaligen Werbetexters Beigbeder insofern postmodern, als sie ein Gefühl von Beliebigkeit der Mittel, des Ausdrucks, des Stils evoziert. Der Autor interessiert sich für vieles ein wenig, für nichts aber in seiner Totalität, geschweige denn in Erkenntniszusammenhängen. Die sanfte Revolution in Osteuropa beschäftigt ihn mitunter mehr als Partys und Drogen, Literatur und Kunst betrachtet er als hehres Betätigungsfeld, ohne jedoch mehr als oberflächliche literarische Querverweise und Zitate preiszugeben. Es ist kein Zufall, daß die Literatur der decadence bei Beigbeder ausführliche Erwähnung findet, pflegt der Autor doch schon äußerlich ein Image, daß ihn, so ein früherer Kritiker, wie eine derangierte Fusion aus Oscar Wilde und Bret Easton Ellis aussehen lasse. Da es keine großen Weisheiten mehr gibt, hält er sich an die kleinen, auch wenn sie vor Banalität oft nicht auszuhalten sind: "Man hat nur eine große Liebe im Leben, alle davor sind Lehrstücke, alle danach Wiederholungsversuche; jetzt oder nie."

Der Versuch, mangelnde Tiefe in der Darstellung und Komposition der Figuren durch das Allheilmittel der Intertextualität auszugleichen, endet in den Memoiren katastrophal: den Titel des Werks von Simone De Beauvoir entlehnt, macht sich Beigbeder offensichtlich keine Gedanken über dessen Bedeutung und den Schatten, der wegen eines solchen Titels über seinem Band liegen muß. Anspielungen auf seine Literaturkenntnisse macht Beigbeder dem Leser vielfach, so etwa in den Berichten über einen Urlaub in Prag, bei dem der Hinweis auf Kafka nicht fehlen darf. Hippe Abiturienten werden Beigbeder den laxen Umgang mit der Hochkultur in Ermangelung eigener Kenntnisse gerne nachsehen, dem Kritiker dagegen wird die Fortsetzung der Lektüre ob soviel Halbwissens und falscher Kunstaffinität zur Sinnfrage.

Kennte der vorgebildete Leser nicht das weitere Schicksal Marc Marroniers, der im Nachfolger 99 Francs den Antagonisten zum dekadenten Werber Octave gibt, und später seinen eigenen Tod vortäuscht, um ein paradiesähnliches Leben in der Südsee zu beginnen, wüßte man nicht um dieses Schicksal, man hätte es ihm zumindest gewünscht. Mehr noch aber hätte man ihm gewünscht, der Autor würde etwas mehr Zuneigung zum Protagonisten seines Erstlings entwickeln und ihn mit so etwas wie menschlichen Qualitäten ausstatten; dies aber scheint sich Beigbeder für kommende Werke aufgehoben zu haben. Wobei gesagt werden muß, daß es ihm mit 99 Francs nicht besser gelungen ist.

Der selbsternannte Dandy Beigbeder forderte einmal in einem Interview: "Die Literatur darf nicht so langweilig sein. Lesen sollte ein Vergnügen sein, wie ein guter Werbespot." Daß aber Kurzweil nicht auf Kosten von Anspruch gehen muß, hat Beigbeders Freund und Förderer Michel Houellebecq eindrucksvoll vorgemacht. Auch die pessimistische Prosa des Autors der Elementarteilchen hat bisweilen Werbespot-Charakter, doch orientiert sie sich formal am älteren Medium des Entwicklungsromans. Clipästhetik bei Beigbeder, der Geist Balzacs und Flauberts bei Houellebecq, so läßt sich eine schlagwortartige Kategorisierung vornehmen. Zugleich weist sie auf den grundsätzlichen Schwachpunkt im Oeuvre Beigbeders hin: auch Beigdeger beruft sich auf den Geist Balzacs, nur geht ihm die Fähigkeit ab, den großen kritischen Humoristen der französischen Frühmoderne zu erkennen, genauso wie er in der Dekadenzdichtung die Beschreibung des Ekstatischen und Maßlosen der Beschäftigung mit dem Abseitigen und Morbiden vorzieht.

Die Überzeichnung des Balzacschen Humors ins Zynische ist das Wagnis der Literatur Beigbeders und zugleich der Grund seines Scheiterns, entzaubert doch die Unbeholfenheit der eigenen Diktion fortwährend den selbsternannten Chronisten einer Renaissance des Lebens und Denkens in der Gewißheit einer nahenden Endzeit.

Frédéric Beigbeder: Memoiren eines Sohnes aus schlechtem Hause
Aus dem Französischen von Brigitte Große
95 Seiten, 10 €

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