Fabian Stiepert | Drucken29.02.2016 

Ein Strauß Texte

Friederike Mayröcker ist mittlerweile über 90 Jahre alt. Mit „fleurs“ schließt sie eine 2013 begonnene Trilogie ab

Friederike Mayröcker ist eine Dichterin, deren Produktivität weder Alter noch Krankheiten zu zügeln vermögen. Wer sie in Carmen Tartarottis glänzendem, leider bis heute nicht auf DVD zugänglich gemachtem Dokumentarfilm Das Schweigen und das Schreiben bei der Medikamenteneinnahme beobachtet hat, dem fällt es umso schwerer zu glauben, dass diese Frau immer noch jeden Tag diszipliniert ihrem Handwerk nachgeht. Wie eine Nonne steht Mayröcker um vier Uhr morgens auf, setzt sich hinter die Schreibmaschine und produziert magische Texte.

Der neueste Prosaband, schlicht und schön fleurs betitelt, ist eine freudebringende Lektüre für alle langjährigen Mayröcker-Leser. Den meisten Neulingen wird von den assoziativen Sprachteppichen nach wenigen Seiten leider der Kopf schwirren. Und das, obwohl die Altmeisterin Mut zum Kitsch beweist, den sie selbst auch immer als solchen an entsprechenden Stellen mit zu viel Naturromantik zu kennzeichnen weiß („le kitsch“).

Bei aller sentimentaler Erinnerungsseligkeit an die Kindheit im beschaulichen Deinzendorf und die schönsten Jahre mit ihrem Lebensgefährten Ernst Jandl (vielen bekannt dank Ottos Mops kotzt) ist dieses Buch an vielen Stellen auch sehr optimistisch geraten. So werden Pläne für weitere Bücher angedeutet und jüngere Kolleginnen wie Ann Cotten gelobt. Sogar moderne Dinge wie I-Phones und das Internet finden Eingang in Mayröckers sonst so zeitlos und weltabgewandt gehaltenen Sprach-Kosmos, der sich in diesem Fall neben der eigenen Erinnerung auch aus dem Werk Jacques Derridas und den Gemälden Andreas Grunerts speist.

fleurs bündelt somit das, was in den vorherigen Bänden cahiers und etudes begonnen wurde. Denn es geht darum, eine radikale, subjektive Poesie und auch Poetologie zu erschaffen. Dass Friederike Mayröcker nicht damit aufhört zu schreiben, obwohl sie dieses Ziel bereits seit einigen Jahren wie keine andere deutschsprachige Autorin erreicht hat, das muss einem als interessierter Leser immer wieder Respekt abtrotzen. Also seien wir gespannt auf das nächste Buch. Fast scheint es so, als könnte niemand, wirklich niemand diese bewundernswerte Grande Dame davon abhalten, noch etliche weitere Bücher aus ihrer Schreibmaschine zu zaubern.

Friederike Mayröcker: fleurs

Suhrkamp

Berlin 2016

152 S., 21,95 €


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