Fabian Stiepert | Drucken18.04.2014 

Der Lebemann wird alt und melancholisch

Der neue Band mit Tagebüchern von Fritz J. Raddatz umfasst die Jahre 2002 bis 2012. Eine mitreißende, aufregende, ergreifende Lektüre

Knapp vier Jahre ist es her, da schlugen die Tagebücher von Fritz J. Raddatz im Feuilleton ein wie eine Bombe. Man konnte schon fast von einer Renaissance dieses immer streitbaren, aber nicht immer zwingend sehr präsenten Intellektuellen sprechen, so sehr wurden die Aufzeichnungen des ehemaligen Chefs des Rowohlt Verlages und des ZEIT-Feuilletons auf allen Kulturkanälen abgefeiert. Da fielen so unnötige Mäkeleien wie die seitens des ungefragt schlechte Witze erzählenden Helmut Karasek gar nicht erst ins Gewicht.

Man muss sich allerdings im neuesten Tagebuchband schon auf etwas andere Tonarten als die einstellen, die man aus den Jahren 1982–2001 von Raddatz noch gewöhnt war. Keine Angst, es wird immer noch im Rolls Royce durch die Gegend gegurkt, literweise Schampus geschlürft und sich über Inneneinrichtungen und schlechtes Essen mokiert. Wer aber Raddatz aufgrund seines ausgesuchten, unbetrügbaren Geschmacks Snobismus vorwirft, der ist ganz und gar schief gewickelt. Raddatz betont mehrfach, dass der Besitz schöner Dinge für ihn eine Erziehung zur Sittlichkeit darstellt, da man dadurch nicht mehr aufs Einfachste zu beeindrucken ist. Wenn sich Raddatz damit wohl fühlt und den ganzen Luxus auch noch mit Geld bezahlt, das von seiner Hände Arbeit stammt, dann ist es doch schon arg daneben, dass ihm aus seiner Gier nach Luxus ein Strick gedreht wird. Trotz aller Luxusgüter herrscht in den Jahren nach 2001 ein eindeutig anderes, melancholischeres Klima.

Mit seinem ehemaligen Arbeitgeber, der ZEIT, überwirft sich Raddatz gleich zu Beginn und trotz aller Sympathien für die neue Feuilleton-Generation und den Chefredakteur Giovanni di Lorenzo mag es nicht gelingen, sich dort wieder mit ins Spiel zu bringen. Ja, man ist fast versucht zu sagen, dass die Wolken immer dunkler werden, trotz des schönen Lebens, das Raddatz in Hamburg, auf Sylt und in Nizza aufs stilvollste zu führen versteht. Dies liegt unter anderem an Raddatz’ schmerzhaftem Eingestehen, den Mechanismen der heutigen Medienwelt nicht mehr hinterher zu kommen. Er weiß nicht, was ein iPod oder ein iPhone ist. Wieso sollte er auch? Wer mit der mächtigen Waffe der Worte so umgehen kann, der bedarf keines technischen Schnickschnacks.

Aber die Selbstzweifel gehen noch über diese Unverständlichkeiten weit hinaus. So registriert Raddatz an sich selbst das immer grauer werdende Haar, die am ganzen Körper sichtbar werdenden Altersflecken und denkt sentimental zurück an die Zeiten von hunderten Männern und einer Handvoll bildhübscher Frauen, die aus ihrer Gier nach seinem Körper keinerlei Hehl zu machen schienen. Wenn sich zu den regulären Alterserscheinungen des eigenen Körpers noch ein schwierig zu behandelnder Prostatakrebs gesellt, so erscheint einem das Vergangene (wie man es auch im Tagebuch 1982–2001 nachlesen kann) umso unglaublicher.

Kennt man den Diaristen Raddatz, so weiß man, dass der gesamtdeutsche Kulturbetrieb das Personal seiner Eintragungen darstellt. Sei es Rolf Hochhuth, der zu den unmöglichsten Zeiten anruft und endlos ins Telefon monologisiert oder Günter Grass, der sich zwar immer wieder als durchaus treuer, aber auch schwieriger Gefährte von Raddatz erweist. Wer Raddatz liest, der meint diese bedeutenden Kulturschaffenden als fehlbare und schwierige Zeitgenossen kennen gelernt zu haben. Allein dafür sei Raddatz gedankt. Auch wenn er immer wieder harte Worte für seine Mitstreiter im Weinberg der Literatur findet, so schont er sich selbst auch nur selten. Mag sein, dass er oft Härte zeigt. Gepaart mit Gerechtigkeit ist sie aber jedes Mal.

Um es schlicht auf den Punkt zu bringen: Raddatz’ Tagebücher sind so reich an Ideen, Betrachtungen und Anekdoten, dass man ein Füllhorn an Gesprächsstoff daraus ziehen kann, wenn man sich unter Gleichgesinnten (sprich Lesern vom Feuilleton und guter Literatur) befindet. Das finale Finis Tagebuch macht einem schmerzlich bewusst, dass dies nun wirklich der letzte große Akt eines großen Geistes war. Zu viele von Raddatz’ Freunden sind tot, als dass er noch wirklich, zudem auch körperlich geschwächt, etwas über das in den Tageszeitungen so oder so schon überausführlich ausgebreitete Weltgeschehen hinausgehendes aufzuschreiben hätte. Dieses Eingeständnis, ein einsamer Mann zu sein, das lässt einen nach der Lektüre gelähmt zurück. Aber es sind auch diese Bücher voll von schmerzhaften Lebensrealitäten, bei denen man nach beendeter Lektüre erstmal diverse Minuten ohne jegliche Regung im Lesesessel sitzen bleibt, die wir Meisterwerke nennen.

Fritz J. Raddatz: Tagebücher 2002–2012

Rowohlt

Reinbek bei Hamburg 2014

720 Seiten – 24,95 Euro

Rezension zu Raddatz' Tagebüchern 1982-2001

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