Holger Leisering | Drucken24.03.2014 

Der Satan des Satans des Satans

Das Inselbüchlein „Frühlingsregen“ mit Gedichten Yaňez’ enthält Surreales aus Chile − und kaum Informationen über den Autor

Gibt es ihn noch, den heiteren, um nicht gleich zu sagen naiven Leser? Nun, zumindest für mich selbst konnte ich da nicht garantieren, was wusste ich schon über dieses Buch, der Frühling war jung und das Deckblatt betupft. Denn so kommt es einem entgegen. Dieser Miniatur von Vorwort, dem kleinen Text zu Eingang des Buches entnehme ich, dass das Büchlein vielleicht jenen hilfreich sein könnte, die erwachen. Surrealismus aus Chile, da flimmert Erinnerung auf: Singeclubs aus Chile, Abende bei Rotwein … Aber der Aufstand gegen General Pinochet, die Exil-Chilenen bei uns, das ist lange her, auch wenn der Film Il Postino nochmal an den Dichter Neruda erinnerte.

Mag unser Dichter einer von den Enkeln sein?

Der Maulwurf stiehlt unsere Seele, lesen wir hier, die Sonne heißt Logos, soviel Trost bleibt. Entschieden wird die Entfremdung zwischen Dichter und Dichtung angezeigt, wie das in der medien-affinen Zeit längst keine Meldung ist. Wie sehr der Dichter oft Knecht seiner Worte bleibt, dass er sie hinterher selbst nicht versteht und mitunter gar kein Kontakt mehr zwischen ihm, dem Schöpfer und seinem flügge gewordenen Ergebnis bleibt, wer wollte das schon wissen?

Was einer schreibt, das ist er auch, für mehr bleibt im Feuilleton kaum Platz.

Yaňez schreibt:
Meine Worte lieben mich nicht
Sie wandern wie Greise von Dichter zu Dichter
Und legen den Sinn in jeden Sarg

Dabei würde solch Auseinanderklaffen gerade in dieser Dichtung niemand annehmen, auch wenn sie solche Ideen enthält, die ich zu Ende zu denken nicht schaffen werde, jedenfalls, wenn diese Rezension noch zu Lebzeiten heraus kommen sollte: dass es den Satan des Satans des Satans gibt. Ich traue es mich kaum hinzuschreiben, für Gott gilt dasselbe.

Der Poet heiratet am Ende die Kassiererin eines Milchladens. Für den Käse aus Milch und Blut, den das Paar in seiner Fabrik herstellt, verfolgt sie die Kirche im ganzen Königreich. Das Insel-Buch Nr. 1384 duftet unnachahmlich nach Poesie, der fallende Engel schreibt die Biogedichte.

Nur leben wir heutzutage, nicht den geringsten biografischen Hinweis lese ich über den Autoren in diesem Buch, das ist ungewöhnlich. In welcher Galerie hängen seine Bilder? Welcher Künstlergruppe, welcher Generation gehört er an? Hier kann, denke ich, nur der Kollege Computer weiterhelfen, dabei wollte ich gerade jetzt, nach so formvollendeter Typographie, eine Auszeit vom digitalen Medium nehmen, nochmal die gedruckten Bilder bewundern, den Geruch wahrnehmen.

So aber gebe ich den geheimnisvollen Namen ein: Robert Yaňez. Der Computer, die Medien, alle wussten schon, was dieses Buch noch verheimlichte und nur mir entgangen zu sein schien. Also: Für eine Publikation beim heiligen Insel-Verlag musst du als lyrischer Autor Weltliteratur, für den Nobelpreis nominiert oder wenigstens ein uriges Talent wie Rosenlöcher sein. Roberto Yaňez hat diese Hürde wie nebenbei genommen, denn manchmal ist es doch von Vorteil, Margot Honecker als Oma zu haben, auch wenn die ihm eigentlich verboten hatte, mit deutschen Zeitungen zu sprechen.

Autor sein, zumal noch von Gedichten, das heißt in Deutschland auf Ablehnungen warten, die nicht mal mehr losgeschickt werden. Die Arroganz der Verlage, und der Literaturagenten inklusive, das ist hart, aber schließlich stirbt man fast nicht davon; nur Herr Roberto Honecker holt sich den Schlüssel zum Ruhm im Hinterzimmer unserer Geschichte ab. Allerdings ist das Insel-Buch so schön geworden, dass ich selbst der Versuchung nicht hätte widerstehn können.

Wie war das doch: Es gibt einen Satan des Satans des Satans?

Roberto Yaňez: Frühlingsregen

Gedichte und Bilder

Insel-Bücherei Nr. 1384

Suhrkamp

Berlin 2013

56 S. – 13,95 €


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