Holger Leisering | Drucken12.09.2017 

Textapparat

Elke Erbs „Gedichte und Kommentare“ besetzt Leerstellen des Textes mit Kommentaren

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Dieses handliche Büchlein wird sich auch denen, die Lyrik gern mögen, nicht unbedingt eröffnen. Die Autorin würde hier vielleicht die Brücke vom Öffnen des Buches und zum Eröffnen eines möglichen Leseerlebnisses spannen wollen oder die Brücke zum Leser schlagen und die aggressive Strahlung des Wortes schlagen erörtern, denn das Kommentieren, scheint’s, ist ihre Lust.

Auch in der Lyrik sind wir, trotz freier Rhythmen, nicht frei von Gesetzen. Ich höre so etwas wie ein „Das macht man doch nicht!“ sich zischend artikulieren, wie es alle Mütter, auch Euterpe es anstimmen mögen, wenn diese vorwitzigen Kinder es brechen, das ungeschriebene Gesetz, das für die komfortabel sich der Stimme enthaltenden Dichterinnen und Dichter lautet: Kommentiere deine Gedichte nicht selbst!

Nun gilt es, zu erforschen, ob es Gründe für den Tabubruch gab. Die Erklärungen sind wie ein Glossar, das sonst am Ende des Buches steht und erläutert, dass es sich beispielsweise bei der Bezeichnung Latifundien um den Landbesitz der feudalen Ausbeuterklasse handelte, wie wir in unseren Abenteuerbüchern lasen. Dient der Text-Apparat wie eine Fußnote zum besseren Verständnis?

Machen wir die Prüfung, im Gedicht Zwirnsterne (S. 34), da mag man nur mit dem Kopf schütteln. Die Erklärung befindet sich anscheinend im intellektuellen Spielraum für Unterbelichtete, wohlmeinend wird hier allgemein Verständliches erklärt: „Zwirn ist ein stärkeres Garn. Es wird auf Pappsterne gewickelt.“ Sternchenzwirn, das weiß jedes Kind, ist der starke Faden, der im Gegensatz zur Nähseide nicht so schnell reißt. Wird das Vehikel des erklärten Gedichtes insgesamt zum poetischen Instrumentarium, zur Erweiterung des Gedichts, das im Erzählen Vertrautheit schafft? Braucht Elke Erb den Raum der Marginalie für die Zuwendung, wie sie so im Gedicht nicht möglich wäre? Sie erklärt die soziale Komponente des Gedichts. Hier handelt es sich um arme Leute, die mit den genannten Kleinwaren ihr Leben fristen.

Die vorliegenden Texte (anders als im eben genannten über das Erzgebirge) spiegeln oftmals gleichzeitig autobiografische Strukturen wider. Der Vater übersiedelt, als Elke Erb zehn Jahre alt ist, in die DDR, nach Halle, und dort, wo er als Professor für Literatur arbeitet, befindet sich die erste Wohnung: gleich in den Franckeschen Stiftungen. Alles das bildet den Nährboden für Kindheit und Jugend, sie wird später studieren, zunächst an der Pädagogischen Hochschule.

Sie verbleibt nicht lange in der Volksbildung, studiert Slawistik und übersetzt Marina Zwetajewna ins Deutsche, aber auch russische Romane. So erinnert sie sich noch am Nikolaustag 2013 (S. 192) an die harten Bretter und die dreistrophige Hymne, also die Nationalhymne der DDR von Johannes R. Becher, die sie lernte, sagt aber: „da war kein Weinen dabei“. Später bezieht die Familie die erste eigene Wohnung, hat also eine Wohnraumzuweisung bekommen für die Zeppelinstraße.

Doch es bleibt in ihr noch Lust zum Aufbruch. Berlin begegnet sie literarisch mit dem Lyrikband Kastanienallee, an dessen schönen Einband sich mancher, der die Lyrik der kleinen Republik liebte, heute noch erinnert. Die nachdenklichen Texte hingegen wollen aufgespürt sein: Was sprachen die Dichter an den Stammtischen? Berliner Schule, so hieß es da, diese Autoren kommen von französisch geprägter poststrukturalistischer Dichtung her. Fremdsein war das Mindeste, was man unterstellte, Hauptstadtlyrik eben.

Aber ist das stimmig, wie passt Wuischke dazu, das sorbische Dorf in der Lausitz, die zumindest räumliche Nähe zu Kito Lorenz? Fast scheint es doch so, als wenn alles Dazugekommene, Angenommene mit Sorgfalt untersucht wird. So liest es sich wie poetologische Koordinaten: „Ach, könnte ich / so reden, daß ich den hintergrund halte / und / nicht was ich rede als einziges meine, /[…]/ daß ich ziele und halte soviel wie / noch bei mir sein – und bei ihnen so auch […]“

Das Gedicht, das aber beim Zuhörer, beim Adressaten ankommt, ist immer ein anderes, als es der Dichter geschaffen hat. Er betrachtet es auch und ist ja darin. In die Leerstellen reflektiert der Leser im Lesen sich mit. Mit Präzision schreiben heißt, diese Bewegung einzukalkulieren. „Was sollen wir denn machen?“, fragt die Dichterin Elke Erb mit der ihr eigenen Intensität und dem Wunsch, so zu schreiben: „nicht, was ich rede, als einziges meine“.

Sie hat den Mut zu stocken und im Vers spröde zu sein, wo andere dem schicken Schwung, gerade in der Sächsischen Dichterschule immer auch barocker Anmut folgen. Freilich nicht nur, letztlich bleibt aller großen Dichtung solch Nebengelass, wie es sich hier im Textapparat findet. Elke Erbs selbst gestellte Aufgabe hieß ohnehin, täglich fünf Minuten zu schreiben, was ihr spontan in den Sinn kommt und dann hat sie nachbearbeitet, aufbereitet.

Elke Erb: Gedichte und Kommentare

Herausgegeben von Jayne-Ann Igel, Jan Kuhlbrodt und Ralph Lindner

Poetenladen

Leipzig 2016

200 Seiten, 16,80 Euro


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