Benjamin Brückner | Drucken02.12.2014 

Kai aus der Kiste

In den USA belegte „Gone Girl“ wochenlang die Spitzenpositionen der Bestsellerlisten. Auch hierzulande war das dritte Buch der US-Autorin Gillian Flynn ein echter Kassenschlager. Was aber macht diesen Thriller so besonders? Und ist er wirklich die ganze Aufregung wert?

Eine Frau verschwindet

Genau genommen ist der Titel Gone Girl irreführend, denn die Erzählung handelt nicht von einem Mädchen, das verschwindet, sondern von einer Frau. Die attraktive Amy Dunne ist eines Tages wie vom Erdboden verschluckt. Ihr phlegmatischer Mann Nick begibt sich auf die Suche nach ihr und gerät in einen Strudel aus Verleumdung und Verzweiflung. Doch nichts ist, wie es scheint.

Gone Girl wurde für seine zahlreichen Überraschungen gelobt. Kritiker feierten, ja huldigten die Einfälle der Autorin Gillian Flynn. So schwärmte die Maxi: „Achtung, dieser genial gemachte Thriller nimmt so viele unvorhergesehene Wendungen, dass einem schwindlig werden kann!“

Aber ist dieses Buch wirklich so originell? Genau genommen gibt es nämlich nur eine Überraschung: Amy hat ihr Verschwinden minutiös geplant und selbst inszeniert. Dabei hat sie Umstände geschaffen, die den eigenen Ehemann wie ihren Mörder wirken lassen. Die Presse, die Polizisten, die Nachbarn – sie alle fallen auf das Schmierentheater der psychopathischen Amy herein. Und auch wir Leser gehen ihr auf den Leim.

Das ist das einzige Überraschungsmoment – der Augenblick, in dem der Leser die Wahrheit über die überkorrekte, perfektionistische Amy erfährt. Danach wird der Roman langatmig. Natürlich ist es spannend zu erfahren, wie die Geschichte weitergeht. Wir wollen wissen, wie Nick sich aus seiner katastrophalen Lage befreit. Und hier enttäuscht Flynn uns nicht: Nick handelt glaubwürdig und bleibt seinem Charakter stets treu.

Wir werden nicht mit einer peinlichen Läuterungsgeschichte konfrontiert. Vielmehr dampfen Nicks Entsetzen und sein Ekel über die Perversionen seiner Frau aus seinen Poren. Doch wäre dieser Abschnitt nicht einen separaten (Fortsetzungs-)Roman wert gewesen? Hätte Flynn den Leser nicht viel neugieriger gemacht, wenn nach der schockierenden Enthüllung vorerst keine weitere Seite mehr zu lesen gewesen wäre?

Rosemary’s Stiefkind

Amys konstruierte Rückkehr ist noch viel überflüssiger. Wir werden als Leser wieder an der Nase herumgeführt. Doch diesmal meint Flynn es ernst. Sie will uns tatsächlich glauben machen, dass Nick im Anschluss wochenlang mit einer Frau zusammenlebt, die er töten möchte.

Nach eigener Aussage sei Flynn beim Schreiben des Schlusses von Rosemary’s Baby inspiriert gewesen. Und es ist deutlich zu spüren, dass die Autorin versucht, den Horror in die eigenen vier Wände zu bringen. Leider ist dieser finale Kammerspiel-Kniff, der noch einmal Tempo in die Geschichte holen soll, zu viel des guten. Flynn hätte der gelungenen Stimmung im düsteren Mississippi ruhig mehr Vertrauen schenken und ein gesetzteres Ende schreiben dürfen.

Die verwöhnte Göre

Zwei Punkte, die Amy an Nick besonders kritisiert, sind seine Verwöhntheit und seine fehlende Aufmerksamkeit. Doch in Wahrheit ist sie diejenige, die ihr Leben lang als verwöhnte Göre aufwuchs. Anfangs verfügte sie über einen Geldfonds knapp an der Millionengrenze und verurteilt den arbeitslosen Nick für den gemeinsamen Umzug, damit dieser seine kranke Mutter und den an Alzheimer leidenden Vater pflegen kann. In Amys selbstgerechten Rache- und Erziehungsmaßnahmen geht es ausschließlich um ihre Bedürfnisse. Mit ihrem Ehemann über die empfundene Vernachlässigung zu reden, kommt ihr nicht in den Sinn. Die Figur ist so widerwärtig, dass der Leser sogar mit dem nicht ganz so widerwärtigen Nick, der eine Affäre hat, lügt und sich gehen lässt, sympathisiert.

Ein „weibliches“ Buch?

In der Welle der Huldigungen brachte der Stern ein besonders unsinniges Statement zu Gone Girl: Das Buch sei „sehr fein, sehr klug, sehr weiblich“. Was soll uns das sagen? Meinte der Autor feinsinnig? Meint er mit klug den Stil, den Handlungsaufbau, die Figuren? Oder alles zusammen? Und was ist mit weiblich gemeint? Amys intrinsisches Gruselkabinett? Nicks emotionale Sensibilität? Detective Boney, die kaffeeabhängig durch den Tag taumelt?

Diese Kritik verrät uns aber, wenn auch ungewollt, eine bemerkenswerte Tatsache: dass es an diesem Buch gar nicht so viel zu loben gibt. Dass Gone Girl von dem singulären, aber ebenso starken Überraschungsmoment lebt, mit dem der Leser konfrontiert wird. Dieser Moment, erzählt mit einem messerscharf geschliffenen Stil, macht Gone Girl so besonders.

Fazit

Gillian Flynn ist eine buchstäbliche Stilikone und erschafft ein düsteres Setting, von dem man sich gern packen lässt. Während der anfängliche Großteil des Buches mit Spannung aufwartet, droht die Geschichte im letzten Drittel leider in eine absurde Version der Schillerstraße zu kippen. Dennoch ist Gone Girl ein starker Thriller mit einem starken Twist, dem mutige Verknappungen und ein solideres Ende nicht geschadet hätten.

Gillian Flynn: Gone Girl – Das perfekte Opfer

Übersetzt aus dem Englischen von Christine Strüh

Fischer

Frankfurt 2014

575 S. – 9,99 Euro


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