Kathrin Rahmann | Drucken12.12.2016 

Drei in Eins

Han Kang schöpft mit „Die Vegetarierin“ die Möglichkeiten der Literatur voll aus – ein Roman über die (Un-)Möglichkeit eines selbstbestimmten Lebens

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Yong-Hye, ihrem Ehemann zufolge die Durchschnittlichkeit in Person, tut, was eigentlich unmöglich ist: Sie steigt aus. Es gelingt ihr, sich allen Systemen sozialer Ordnung und Deutung zu entziehen. Weder pflegt sie einen alternativen Lebensstil, noch ist sie verrückt. Die Geschichte ihres Ausstiegs beginnt damit, dass sie kein Fleisch mehr isst, und endet damit, dass sie sich vorstellt, sie wäre ein Baum, unbeweglich und mit nur zwei Bedürfnissen: Wasser und Licht. Die Medizin steht ihrem Fall ratlos gegenüber.

Han Kang erzählt dieselbe Geschichte aus drei unterschiedlichen Perspektiven, und jede Perspektive ist so eigen, dass man sie aufs Neue mit Spannung liest. Für ihre Familie wird Yong-Hye zur Projektionsfläche für Wünsche und Erwartungen. Für ihren mainstream-gepolten, karriereorientierten Ehemann verliert Yong-Hye ihren Wert als praktisches Accessoire. Für ihren Schwager, einen Künstler und sozial Heimatlosen, ist sie der Inbegriff der Befreiung von gesellschaftlichen Zwängen. Sie wird das Objekt seiner sexuellen und künstlerischen Leidenschaften. Für ihre Schwester, die in ihrer Doppelrolle als erfolgreiche Geschäftsfrau, Mutter und Ehefrau unter der Last ihrer Aufgaben zusammenzubrechen droht, zeigt Yong-Hye mit ihrem mysteriösen Verhalten einen Ausweg, den sie selbst sich nicht traut zu gehen. Die Vegetarierin Yong-Hye selbst kommt in dieser Erzählung nicht zu Wort.

Han Kang versteht es, jedem ihrer drei Erzähler eine eigene Stimme und eine unverwechselbare, eigenwillige Perspektive zu verleihen. Mit jeder neuen Stimme wird das Netz der Möglichkeiten, den Fall Yong-Hye zu verstehen, komplexer. Die drei Geschichten liegen nebeneinander wie tektonische Platten, reiben aufeinander, bewegen sich voneinander weg, driften aneinander vorbei. Jede Variante ist gleichermaßen wahr und wahrscheinlich. Die im Grunde sehr einfache Geschichte Yong-Hyes gewinnt auf jeder gelesenen Seite neue Aspekte.

Durch ihre surrealen Bilder eröffnet die Erzählung beeindruckende Fantasieräume, ohne dabei das Reich des real Denkbaren zu verlassen. Man kann sie einfach lesen oder sich verlocken lassen. Die Vegetariern ist so facettenreich, wie man es sich nur wünschen kann, und gleichzeitig so konkret, als stünde man daneben.

Han Kang: Die Vegetarierin

Erschienen im Aufbau Verlag

Berlin 2016

190 Seiten, 18,95 Euro

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