Leonie Geisinger | Drucken12.04.2013 

Von Alphaweibchen und faulen Männchen­

„Das Ende der Männer“ erzählt von einer veränderten Geschlechterwelt und sinniert über seine Folgen

Hanna Rosins Buch provoziert mit seinem Titel. Was soll das heißen, das Ende der Männer? Die Etablierung des Matriarchats? Eine feministische Kampfansage an patriarchale Strukturen? Oder, oh weh, eine reaktionäre Schrift gegen die Gleichberechtigung?

Glücklicherweise ist Das Ende der Männer nichts von alledem. Und trotzdem bietet dieses Sachbuch mit seiner These, dass das Zeitalter der Frauen wenigstens im wirtschaftlichen Sinne schon angebrochen ist, reichlich Diskussionsstoff. Rosin hält sich an Fakten, sie zitiert zahlreiche Studien und sie hat für ihre Nachforschungen die USA bereist. Dabei hat sie Gespräche geführt: mit den neuen Alpha-Frauen, die sich gleichzeitig und fast übermenschlich um Karriere, Haushalt und Kinder kümmern, und mit Männern, deren Selbstbild ins Wanken geraten ist, weil sie nicht mehr der Haupternährer der Familie sind, sondern arbeitslos und finanziell von ihren Frauen abhängig.

Rosin beschreibt den hohen Frauen-Anteil an Hochschulen von inzwischen fast 60 Prozent. Die heutigen Studentinnen seien ehrgeiziger, disziplinierter und anpassungsfähiger als ihre männlichen Altersgenossen. Und folglich wäre es nur noch eine Frage der Zeit, bis Frauen auch die höchsten Stufen der Karriereleiter erklimmen und in Vorständen und Unternehmen den Ton angeben würden.

Diese bedeutenden Veränderungen im Arbeitsleben wirken sich natürlich auch auf das Privatleben aus. Rosin beobachtet eine klare Teilung: Die gehobene Mittelschicht auf der einen Seite arrangiert sich mit den neuen Karrierefrauen. Frau und Mann wechseln sich beliebig oft als Hauptverdiener der Familie ab. Mal geht sie in Elternzeit, mal nimmt er Vaterschaftsurlaub. Die Rollen werden flexibel und die Ehen stabiler und glücklicher, so Rosin. Anders bei den weniger gut Verdienenden. Dort kommt es zu immer weniger Eheschließungen, die Zahl der unehelich geborenen Kinder steigt rapide an. Durch die Wirtschaftskrise gingen viele traditionell männliche Jobs verloren. Der Dienstleitungssektor, in dem hauptsächlich Frauen arbeiten, wächst aber weiter. Die jungen Frauen, meint Rosin, wollen nicht auch noch einen arbeitslosen Mann durchbringen, sie ziehen es vor, alleine für das eigene Wohl und das ihrer Kinder zu sorgen.

Kann das alles wahr sein, was Rosin uns da doch sehr überzeugend dargelegt? Und wenn ja, ist diese Entwicklung denn nur positiv oder auch negativ zu bewerten? Rosin gibt sich keinen romantischen Fantasien von einer besseren Welt in Frauenhand hin. Aber sie ist davon überzeugt, dass Frauen besser mit den Anforderungen der modernen Arbeitswelt zurechtkommen. Sie spricht in diesem Zusammenhang von der Frau aus weichem Plastik und dem Mann aus Pappe. Die Frau aus Plastik ist flexibel, sie passt sich unglaublich schnell an neue Anforderungen an, während sich der Pappe-Mann in den letzten Jahrzehnten nicht wirklich verändert hat. Er hängt immer noch an einem überkommenen Bild von Männlichkeit und ist unfähig, neue Tätigkeiten wie Kinderbetreuung oder Hausarbeit zu übernehmen. Doch Rosin schließt trotzdem hoffnungsvoll: Ihrer Meinung nach wird die Plastikfrau erst einmal die Arbeitswelt dominieren, doch auch die Männer werden sich an die neue Rollenverteilung gewöhnen. Am Ende, so Rosin, würden Mann und Frau gleichberechtigt nebeneinander arbeiten, lieben und leben.

Vieles, was Rosin schreibt, leuchtet direkt ein. Und doch fällt es schwer, ihren Optimismus zu teilen. Denn Geschichte funktioniert nun einmal nicht linear. Und auch wenn immer mehr Frauen Hochschulen besuchen, heißt das noch lange nicht, dass ihnen Platz gemacht wird an der patriarchalen Spitze der Arbeitswelt. Und wie lange es dauern wird, bis Frauen für ihre Arbeit genauso viel wie Männern bezahlt wird, kann noch niemand sagen. Auch das Problem der Kinderbetreuung ist noch lange nicht gelöst. Was Rosin als die übermenschlichen Alpha-Weibchen beschreibt, die Arbeit und Haushalt gleichzeitig auf bewundernswerte Weise managen, kann man auch ganz anders sehen. Für die meisten Frauen geht es schlichtweg nicht anders, sie haben keine andere Wahl als die Doppelbelastung von Beruf und Kinder auf sich zu nehmen. Sicher befinden wir uns gerade in einer Umbruchsphase, was Geschlechterrollen angeht. Viele Frauen, aber auch viele Männer hängen fest zwischen traditionellen und modernen Rollenbildern. Es muss weiter gekämpft werden für eine Gleichberechtigung, die noch längst nicht erreicht ist. Um Das Ende der Männer auszurufen, ist es noch zu früh.

Hanna Rosin: Das Ende der Männer – und der Aufstieg der Frauen

Berlin Verlag

Berlin 2013

352 Seiten – 19,99 Euro


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