| Drucken11.01.2004 

Hanns-Josef Ortheil (Stuttgart) liest aus seinem neuen Roman „Die große Liebe” (Babette Dieterich)

Sonntag, 11.01.04, Moritzbastei, Radio-Café
Hanns-Josef Ortheil (Stuttgart) liest aus seinem neuen Roman ?Die große Liebe?

Moderation: Ulf Heise
Musik: Modersohn Sax Quartett (Chemnitz/Dresden/Leipzig)


Und es gibt sie doch

Für Hanns-Josef Ortheil gehören Lesen und Schreiben eng zusammen. In den Gesprächen mit dem Moderator Ulf Heise erläutert er den biographisch bedingten Zusammenhang. Ortheil wurde 1951 als 5. Kind in Köln geboren, doch seine vier älteren Brüder kannte er nicht, sie waren alle im Krieg umgekommen. Mit seiner Mutter wuchs er in einer seltsamen Symbiose auf. Durch die Wirrnisse der Flucht und des Verlustes ihrer vier ersten Kinder war ihr Sprachzentrum gestört, sie war stumm und litt unter Phobien. Hanns-Josef Ortheil teilte mit ihr das Schicksal, wuchs überbehütet auf und lernte erst mit sieben Jahren, parallel zum Schreiben, das Sprechen.

Was dann geschah, beschreibt der Autor als eine Eruption der Sprache. Das Schreiben wurde zum Notierzwang, ständig trug der Knabe ein Vokabelheft mit sich herum, in das er neue, ungewöhnliche Worte eintrug. Die Sprache drang aus ihm heraus, es entstanden Kurzgeschichten, die in Zeitungen veröffentlicht wurden. Da war Hanns-Josef Ortheil gerade acht Jahre alt. Zunächst war sein Berufsziel Pianist, war die Musik doch seine erste Sprache, die er bereits mit vier Jahren erlernte. Doch eine Sehnenscheidenentzündung zwang ihn mit Anfang zwanzig, den Schwerpunkt wieder auf das Schreiben zu verlegen. Er studierte Musikwissenschaft und Germanistik und hielt unorthodoxe Seminare, getreu seiner Prämisse, dass Schreiben und Lesen zusammen gehören. So hielt er die angehenden Germanisten an, sich wissenschaftlichen Themen mit eigenen literarischen Schreiberfahrungen zu nähern.

Als Hanns-Josef Ortheil schließlich zum Vortrag aus seinem neuen Roman ?Die große Liebe? kommt, fällt eines sofort auf: Die Sprache schmeckt. Und das in mehrfacher Hinsicht. Sie ist sinnlich, eine Sprache, die sich dem Vortrag nicht sperrt, die geradezu verlangt, laut gelesen zu werden. Und es geht tatsächlich immer wieder ums Essen. Im ersten Ausschnitt um eine Fischsuppe, die der Filmemacher aus München, der Protagonist, mit der Leiterin des Meereskundemuseums gemeinsam verspeist. Ihr erstes gemeinsames Mittagessen allein, das in einen Spaziergang am Strand mündet, auf dem der Ich-Erzähler darüber philosophiert, ob er Franca, die Museumsleiterin, umarmen soll, oder ob dieses Umarmen eine abgenutzte Kitschpose ist.

Und genau das ist das Thema des Romans: Die langsame Annäherung zweier Menschen, deren Liebe wenig Widerstände entgegenstehen. Da ist zwar der Nebenbuhler, Francas Verlobter, aber das ist nicht der Schwerpunkt des Romans. Nicht die Intrigen, nicht das ewige ?Sie konnten zusammen nicht kommen?, sondern die Psychologie der Liebe, die Elementarzustände von Empfindungen sind das zentrale Thema für Hanns-Josef Ortheil. Und darum spielen auch die guten Speisen eine große Rolle, derer es an der italienischen Adriaküste, wo der Roman spielt, genügend gibt.

Der Gefahr des Kitsches (Die Kritik der Züricher Zeitung lautete zum Beispiel: ?Prosecco-Kitsch?), oder, wie der Autor sich ausdrückte, des ?Übermaßes an Glück? versucht er durch die Exaktheit der Sprache zu entgehen. Eine Sprache, die Klischees vermeidet und den Strand nicht permanent in die Glut der sinkenden Sonne taucht, sondern belebt mit Wimperntieren und Strudelwürmern, den Forschungsobjekten von Franca. Und der Romanheld füllt sein Notizbuch mit Anregungen für sein Filmprojekt, doch dazwischen unterlaufen ihm einfühlsame Beschreibungen einer zärtlichen Annäherung und ein Ringen nach Worten: Wie kann man das Glück der ersten Berührung beschreiben? Da fehlen ihm die passenden deutschen Worte. La tendresse, das trifft es noch am ehesten.

Wieder ist es Italien, wie schon in mehreren Romanen von Hanns-Josef Ortheil, doch diesmal ein Italien der Gegenwart. Anders als in ?Faustinas Küsse?, in dem der Autor jene, wie er sagt, ?Urgeschichte? der Berührung eines Menschen von nördlich der Alpen mit Italien beschreibt: Goethes Aufenthalt in Rom. Und es ist ein Liebesroman, der bewusst die große Liebe beschwört, sich nicht scheut, sich sogar nach ihr zu benennen. Zu viel des Glücks? Oder nicht eher ein Lichtfunke innerhalb der Liebesromane der Gegenwart, die von Lebensabschnittspartnern und verfahrenen Beziehungskisten strotzen?

Zum Abschluss liest Hanns-Josef Ortheil aus einem Abschnitt, ?in dem sich die Körper nähern?. Nicht im Sand einer versteckten Bucht, sondern in einer einzeln stehenden Umkleidekabine, die wie eine Raumkapsel losgelöst durch das Weltall zu schweben scheint. La tendresse, das beschreibt diesen Roman wohl am ehesten.

(Babette Dieterich)

Hanns-Josef Ortheil: Die große Liebe, Luchterhand Verlag, 22,- Euro

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