Kathrin Rahmann | Drucken21.08.2016 

Geschichten über fast nichts

Well done ist noch lange nicht gut. Judith Hermanns „Lettipark“ ist sauber geschrieben. Der Leser aber bleibt draußen. Eine zweite Meinung zum Erzählband

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Sie tragen Namen, die heute auf den Listen der beliebtesten Vornamen stehen. Sie befinden sich irgendwo und nirgendwo, in Städten, auf Wagenplätzen, Wohnungen, in Wohngemeinschaften, auf Reisen. Was die Figuren in Judith Hermanns neustem Kurzgeschichten-Band eint, ist die Lücke. Der kleine Moment, in dem man den Kontakt zu einem anderen Menschen verliert, den man im Nachhinein nicht mehr festmachen kann. Sie alle sind heimatlos geworden, ohne zu wissen, wie genau das geschehen ist. Was bleibt, ist eine Atmosphäre von Wehmut. Das ist natürlich ein Problem. Ein anderes Problem ist allerdings, wenn nicht nur die Figuren es nicht wissen, sondern auch der Erzähler, und schlussendlich auch der Leser nicht. Hermanns Kurzgeschichten inszenieren die Lücke, immer und immer wieder aufs Neue.

So wenig welthaltig die Geschichten sind, so wenig plastisch sind auch die Figuren. Es bedarf einer mächtigen Anstrengung, um die Adas und Sophias, die Ivos und Henrys, all die gesichtslosen Figuren, die zu Beginn jeder Geschichte auf einer minimalistischen Bühne ausgekippt werden, im Kopf auferstehen zu lassen. „Ada und Sophia wohnen während ihres Studiums zusammen. Sophia studiert Schauspiel an der Hochschule, Ada macht eine Ausbildung zur Fotografin“ – der Anfang der Geschichte Solaris. Das sind keine Figuren, das sind Etiketten. Da hilft nur zurückblättern und nachlesen.

Eigentlich schade, denn Judith Hermann beherrscht das Genre der Kurzgeschichte. Sie erzählt ökonomisch, kann Atmosphäre entstehen lassen, entwirft mit großer Eleganz Szenen, die geschmeidig ineinandergreifen. Nirgends kann man den Finger aufs Papier legen und sagen: Hier ist liegt das Problem, hier ist etwas misslungen. Sprachlich ist alles gelungen und trotzdem bleiben die Türen zu diesen Welten geschlossen. Die Wehmutsmaschinerie allein macht keine Betroffenheit. Und Lücken allein machen keinen guten Plot.

Judith Hermann: Lettipark. Erzählungen

S. Fischer

Frankfurt/Main 2016

187 Seiten, 18,99 €


Erste Meinung zum Erzählband von Fabian Stiepert

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