Fabian Stiepert | Drucken01.09.2013 

Gebt das Hanf frei!

Sebastián Marincolo hat einen Essay über das positive Potenzial des Marihuanarauschs geschrieben. Ein flammendes Plädoyer für eine zu unrecht verdammte Droge

Wir leben in einer Gesellschaft der „Cannabinophobie“. Um diesen Neologismus, den der eremitierte Harvardprofessor Lester Grinspoon in seinem Vorwort einführt, kreist das nun im Tropen Verlag erschienene Buch High – Das positive Potenzial von Marihuana von Sebastián Marincolo. In fast allen Staaten dieser Welt wird auf rigideste Weise gegen den illegalen Anbau und Konsum von Marihuana vorgegangen, aufgrund diverser falscher Annahmen, die sich im Rahmen psychologischer Studien über die Jahrzehnte hinweg als falsch erwiesen haben. Lester Grinspoon gehörte zu den Wegbereitern dieser Studien und setzt sich mit dem Thema des Marihuanakonsums auch nach seiner Emeritierung ausgiebig auseinander.

Marincolo macht sich in seinem leicht verständlichen, aber niemals banalen Essay Grinspoons Forschungen zu nutze. In sieben Kapiteln untersucht er Marihuana hinsichtlich seiner Auswirkungen auf Bereiche wie Kreativität, kognitive Fähigkeiten, Krankheiten und Sexualität. Man staunt über die positiven Ergebnisse, die die Forschung zu diesen Bereichen hervorgebracht hat. Doch auch dabei gilt garantiert nicht die Devise „Viel hilft viel“, sondern es geht um einen Konsum mit Auf- und Vorsicht und die richtige Dosierung der Droge, worauf Marincolo immer wieder hinweist. Außerdem stellt sich der Autor – welch schöne Idee! – so etwas wie Cannabis-Sommeliers vor, die sich mit den verschiedenen Pflanzen auskennen und sich aufgrund ihrer jahrelangen Erfahrung auf die Bedürfnisse des Konsumenten einstellen können.

Auch wenn diese Idee noch immer utopisch erscheint, hat Marincolo mit seinen Thesen recht. Das richtige High-Gefühl zur richtigen Zeit und am richtigen Ort fühlt zu Einsichten über uns selbst und andere. Es erweitert unseren Geist und unser Bewusstsein und erspart uns den unsäglichen Kater am nächsten Morgen. Von der schmerzlindernden Wirkung der verfemten Pflanze wurde mittlerweile auch in den populären Medien schon ausgiebig berichtet. Trotzdem ist es nur konsequent, wenn Marincolo in seinem Buch nochmal gesondert darauf eingeht, da man sonst davon ausgehen könnte, dass für den Autor nur der Genuss und seine positiven Begleiterscheinungen abseits des Heilkräuteraspekts eine Rolle spielen könnten.

Das einzige, was ein wenig sauer aufstößt, ist die etwas einseitige Quellenauswahl. Fast jeder Konsumentenbericht entstammt aus Lester Grinspoons Internetdatenbank marijuana-uses.com. Da sollte man als Leser schon offen fragen dürfen, wieso der Autor nicht selbst ein paar Interviews mit bekennenden Haschrauchern geführt hat. Zumal ihm da auch die Übersetzungsarbeit vom Englischen ins Deutsche erspart geblieben wäre. Dafür floss eindeutig mehr Arbeit in Marincolos Fotografien verschiedenster Marihuana-Pflanzentypen. Die detaillierten Nahaufnahmen entbehren jedweder Ganjasymbolik und konzentrieren sich auf die Vielfalt, die die Flora in diesem Bereich anzubieten hat. Somit ist High – das positive Potenzial von Marihuana keine pubertäre Kifferfibel geworden, sondern ein Buch, dass wichtige Fragen stellt, die hoffentlich in Bälde positiv beantwortet werden.

Sebastián Marincolo: High – Das positive Potenzial von Marihuana

Tropen bei Klett-Cotta

Stuttgart 2013

158 Seiten – 19,95 Euro


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