Teresa Merfert | Drucken20.01.2016 

Ein kubistisches Porträt von Liebe und Leben

Judith Kuckart zeichnet in ihrem Roman „Dass man durch Belgien muss auf dem Weg zum Glück“ nicht nur das Bild eines Mannes und einer Frau, sondern auch des Lebens selbst – abstrus, verflochten und erbarmungslos

„Die Liebe ist ein seltsames Spiel“, singt Connie Francis in ihrem 1960 veröffentlichten Schlager. Die meisten verbinden mit Büchern über die Liebe kitschdurchzogene Geschichten mit aufgesetzter rosa Brille oder hochdramatische Begebenheiten vom Suchen, Finden und dem Verlust der großen Liebe. Doch tatsächlich spielt sich das oftmals ganz und gar nicht so ab, da die Liebe immer mit dem Leben selbst verbunden ist, was mitunter knallhart, verschroben und häufig auch sehr verwirrend sein kann. Verschiedene Gegebenheiten stellen unterschiedliche Beziehungen zwischen uns Menschen her. Man wohnt in einer Wohnsiedlung, kennt seine Nachbarn und kennt sie doch wieder nicht. Durch Zufall treffen ein Mann und eine Frau aufeinander, die vorher immer wieder mit den gleichen Personen zu tun gehabt haben. Die Welt ist klein – so die Redensart und so die Wirklichkeit.

Judith Kuckart, Regisseurin, Autorin und Preisträgerin unter anderem vom Annette-von-Droste-Hülshoff-Preis (2012) und dem Deutschen-Kritiker-Preis (2004), schreibt in ihrem im August publizierten Roman Dass man durch Belgien muss auf dem Weg zum Glück über die Liebe und das Leben. Dieses Buch ist jedoch keine gewöhnliche Liebesgeschichte, es sind eher Ausschnitte aus dem Leben mehrerer Figuren, unterteilt in 11 einzelne Erzählungen. Diese 11 Geschichten gehören zusammen und können doch auch für sich selbst stehen. Sie greifen zurück in die Vergangenheit, spielen im Hier und Jetzt oder geschehen in der Zukunft. Verbunden sind sie durch ihre Figuren, die auf unterschiedliche Art und Weise eine Beziehung miteinander führen.

Eine Wohnsiedlung in Stuttgart ist der Ausgangspunkt des Buches und der ersten Geschichte. Diese erzählt von einem jungen Studenten, der bei seinen Eltern lebt und noch mit keiner Frau geschlafen hat. Es ist Silvester und er allein zu Haus, doch am Neujahrsmorgen liegt plötzlich eine fremde Frau im Flur. Draußen liegt Schnee und er beobachtet die Straße.

Grau und melancholisch wirkt diese Szenerie. Es ist dieses Gefühl, das immer am Ende des alten und Beginn des neuen Jahres auftritt: Die freudige Erwartung des Silvesterfestes, die Trauer über das Vergangene und zuletzt die Ernüchterung über das neue Jahr, das noch ganz kahl und leer vor einem liegt. Diese Melancholie zieht sich durch das gesamte Buch und ist selbst in einer Geschichte im heißen Sommer zu spüren, in welcher die fremde Frau acht Wochen lang in einer Bäckerei arbeitet.

Die fremde Frau und der Klavierlehrer Joseph spielen häufiger als die anderen Figuren eine Rolle im Buch. Wie in einer kubistischen Malerei werden sie sozusagen mal von der Seite, mal von hinten und mal von vorn porträtiert. Sie treten als Nebenfigur, als Hauptfigur und als Erwähnung in einer Geschichte auf. Dabei zeichnet sich ein Bild von einer Frau, die genauso verwirrend und sich über sich selbst im Unklaren ist wie ihre Darstellung. Joseph hat hingegen oberflächlich gesehen seinen Platz als Klavierlehrer im Leben gefunden. Doch stolpert er von einem skurrilem in ein schlimmes und von dort wieder in ein skurriles Erlebnis hinein.

Die beiden Figuren gehen aneinander vorbei, tauchen nur als Erzählung in einer anderen Geschichte auf und teilen ein Stück des Lebens. Ihr Aufeinandertreffen klärt in der vorletzten Geschichte auch den Titel des Romans auf, als Joseph von einem glücklichen Moment in seiner Kindheit erzählt.

Die 11 Geschichten erzählen von unerhörten, skurrilen und beängstigenden Erlebnissen verschiedener Menschen. In jeder Geschichte erfährt der Leser immer auch etwas aus dem Leben der anderen Figuren. Der Roman Dass man durch Belgien muss auf dem Weg zum Glück scheint dabei vom kubistischen Stil durchdrängt zu sein, denn auch im Gesamten kann er wie ein absichtlich falsch zusammengesetztes Bild gesehen werden.

Judith Kuckart poetische Schreibweise ist sehr angenehm zu lesen. Sanft und doch auch hart zeichnet sie die kleinen Welten der einzelnen Figuren nach. Der Leser darf für einen kurzen Moment in diese Welten hineinschauen, bis sich das Fenster schließt und sich ein neues öffnet.

„Die Liebe geht von einem zum anderen“, so geht Connie Francis’ Lied weiter und so erzählt Judith Kuckart auch von den Erlebnissen ihrer Figuren und zeigt damit auf wunderbare Weise, wie das Leben selbst abläuft. Daher ist das Buch eine eindeutige Empfehlung, besonders an die Leser, die vor allem verstrickte Alltagsgeschichten mögen.

Judith Kuckart: Dass man durch Belgien muss auf dem Weg zum Glück

Dumont Buchverlag

Köln 2015

250 S. – 15,99 Euro


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