Fabian Stiepert | Drucken02.02.2013 

Das falsche Wir-Gefühl

Julie Otsuka hat ein Buch über die sogenannten „picture brides“ geschrieben. Leider taugt es über den Informationsgehalt hinaus nicht sehr viel

Haben Sie schon einmal von „picture brides“ gehört? Wäre man ein euphorischer Rezensent, würde man nun sofort dazu aufrufen, diese Wissenslücke mit Julie Otsukas Roman Wovon wir träumten zu schließen. Der schmale Roman, immerhin im Finale des National Book Awards und Gewinner des renommierten Pen/Faulkner-Awards, hat nämlich die Verschiffung von Japanerinnen nach Amerika zu Beginn des 20. Jahrhunderts zum Thema. Die als „picture brides“ in die Geschichtsbücher eingegangenen Japanerinnen erlebten damals eine neue, für damalige Zeiten moderne Form der arrangierten Ehe. Männliche, japanische oder koreanische Gastarbeiter auf Hawaii und von der us-amerikanischen Westküste wurden anhand von Fotografien durch einen Heiratsvermittler an die Frau gebracht, die, mit falschen Versprechungen angelockt, eine lange Schiffsreise auf sich nahm, um ihren vermeintlichen Traummann auf amerikanischem Boden kennen zu lernen.

Otsuka hat diese in Europa kaum bekannte historische Begebenheit fraglos gut recherchiert. Die Nennung der Quellen und die Danksagungen bei Recherchehelfern sind mit Sicherheit ein Hinweis auf Akkuratesse, was die Thematik ihres Romans anbelangt. Vernünftige Recherche ist aber gerade mal die halbe Miete, wenn die Erzählung halbgar und ideenfrei bleibt. Otsukas erzählerischer Kniff, sämtliches Geschehen aus der ersten Person Plural zu schildern, wirkt zu Beginn noch so neu und aufregend, wie die Schiffsreise der „picture brides“ sich auch angefühlt haben muss. Dass es mit der Wir-Erzählung dann aber noch 130 Seiten weitergeht, strapaziert die anfänglich gute Idee bis zur völligen Entnervung der anfänglich entflammten Leser. Es ist ja schön, gut und auch empathisch, dass die Autorin von einem Kollektivschicksal der japanischen Frauen ausgeht. Trotzdem unterscheiden sich die Biographien der Frauen doch maßgeblich. Man bedenke, dass man es hier nicht mit einer japanischen Armee zu tun hat, die in Gänze eliminiert wurde, sondern mit einem Aufeinandertreffen diverser, einander fremder Individuen auf Territorium fernab der Heimat.

Es ist stets ärgerlich, wenn aus einem hoch interessanten Thema künstlerisch und narrativ nichts herausgeholt wird, das über einen bloßen Schicksalsbericht hinausgeht, der in seiner laut Faulkner-Award-Jury angeblich „lyrischen Sprache“ eher tränendrüsig erscheint. Was empfindsam und dem Prosaischen überlegen sein soll, mündet bei Otsuka in eine belanglose „und dann“-Dramaturgie, die sie hätte umgehen können, wenn sie mehrere Lebensläufe der „picture brides“ nacheinander oder in abwechselnder Montage literarisch nachverfolgt hätte. So ist aus Wovon wir träumten eine reine Fleißarbeit in Sachen Recherche geworden, die in ihren schwächsten Momenten mittels der Enttäuschungen ihrer Protagonistinnen vom Leser auch noch jede Menge Mitleid erwartet. Diese Erwartungshaltung macht das Buch endgültig zu purem Kitsch.

Julie Otsuka: Wovon wir träumten

aus dem amerikanischen Englisch übersetzt von Katja Scholtz

Mare Verlag

Hamburg 2012

160 Seiten – 18 Euro


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