Marie Kraja | Drucken25.01.2020 

Illusionen sind Spione der Verzweiflung*

Kein Land in Sicht – Gespräche mit Liedermachern und Kabarettisten der DDR

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2019 war die Wende in aller Munde. Davon zeugen nicht nur übergroße, die Freiheit propagierende Coca-Cola Plakate (so aktuell in Berlin mit dem Slogan: „Die Welt braucht keine Mauern, sondern mehr Menschen, die wollen“), es überschlagen sich auch die Artikel über Nachwendekinder, Westnarrative und Wendeverlierer. Ein kleiner, dafür umso erhellender Beitrag zu dieser Debatte ist der Band von Michael Kleff und Hans-Eckardt Wenzel: Kein Land in Sicht – Gespräche mit Liedermachern und Kabarettisten der DDR.

Kleff, der in den Jahren zwischen 1990 und 1992 durch „ein verschwindendes Land“ reiste, hat hier über dreißig Interviews mit Künstlerinnen und Künstlern der DDR versammelt. Darunter sind bekannte Namen wie Gerhard Gundermann, Bettina Wegener und Gisela May, aber auch viele – zumindest für eine westdeutsch geprägte Nachwelt – weniger bekannte Stimmen aus der großen Kabarett- und Liedermacherszene der DDR. Die Interviews rekonstruieren, neben zahlreichen zeitgeschichtlichen Einsichten, diese Szene über Hootenanny, die Singbewegung, den Oktoberklub, und den Protestsong im Spagat zwischen Anpassung und Widerstand. Sie thematisieren die Fehden um die Politisierung und Freiheit der Kunst im Realsozialismus, Feindschaften und Ressentiments. Manche reden (Anfang der 1990er) noch unbefangen von internalisierten Ideologien, andere beklagen die vielen Einschränkungen und schmerzhaften Ausgrenzungen in der DDR – so auch Bettina Wegener, die ihre erstmalige Einladung zum Festival des politischen Liedes nach der Wende mit einem bitteren „wichsig“ abtut.

Was die hier Interviewten trotz ihrer unterschiedlichen Perspektiven eint, ist die Unsicherheit des Systemwechsels mitsamt der großen Fragen, die er aufwirft: Wohin mit uns? Wie wollen wir jetzt leben? Wer wird uns noch hören?

Für viele wird nicht nur die eigene Existenzgrundlage brüchig, auch das künstlerische Arbeiten ist ein anderes: Die Welt ist offen, die Kraft des politischen Liedes als Lückenfüller für die Pressefreiheit und mahnender Finger gegen einen greifbaren Feind kann nach der Wende so nicht bestehen –„wir gegen die da oben“ nennt Peter Ensikat diesen greifbaren Feind. Im Kabarett sitzen plötzlich auch Wessis und die erwarten, so Ensikat weiter, eben die Axt im Walde. Im besten Fall „lacht sich Ost und West näher“, im schlimmsten Fall werden auch in den Interviews viele Ressentiments bemüht. Ost und West, das sind Anfang der Neunziger schnuppernde Hunde an der Leine.

Und wer wendet sich in diesen unsicheren Zeiten überhaupt den Künsten zu? Auch das wiederholt sich in den Interviews: Der Zeitgeist rast, ein politisches Lied kann nach nur einem Jahr völlig überholt, gestrig sein und die Debatte verschiebt sich Monat für Monat von der Frage nach der Wirkmacht politischer Lieder auf eine ganz andere, viel grundlegendere Frage: Wie überhaupt Lieder machen in dieser Zeit?

So wird der schmale Grad zwischen Utopie und Illusion Monat für Monat neu bemessen. Tief sitzt der Groll dabei gegenüber jenen, die die eigenen Werte verraten fühlen, die etwas bewegen wollten und nach der Wende „wieder hinten anstehen“, so Norbert Bischoff.

Einige der damals interviewten Künstler*innen gaben die Interviews nicht frei. Zu sehr habe sich die Perspektive auf die Dinge inzwischen geändert, heißt es im Vorwort. Das ist sehr schade, denn es ist erstaunlich, wie überlegen diese diffusen, sich teils widersprechenden, unsortierten Stimmen den dominanten Narrativen von Täter/Opfer, Widerstandskämpfer/Opportunist sind. Kein Land in Sicht ist nicht nur ein ungeschminkter Gegenentwurf einer heiligenden Geschichtschreibung, sondern auch eine Sammlung von Miniaturen vieler starker Persönlichkeiten, die in ihren Erzählungen auch in Hinblick auf die Gegenwart nachdenklich stimmen. Thematisiert werden die Gewalt in den 1990er Jahren in Berlin, dass die Leute sich, so Anne-Kathrin Bürger, in Berlin nicht mehr auf die Straße trauten. Dass es in der DDR, trotz zeitweise leerer Theater, ein festes Einkommen für Künstler gab, ein ausdifferenziertes System der Kultursubvention, dass manche Menschen von ihrer Lyrik leben konnten.

All das kommt in seiner Widersprüchlichkeit und historischen Schärfe nur durch individuelle Geschichten zur Sprache und wird im öffentlichen Diskurs kaum thematisiert. Vielleicht gilt es also, nicht nur das politische Lied als „bebilderte Allgemeinheit“ (Stefan Körbel) wiederzuentdecken, sondern auch die Liedermacher und ihre Perspektiven wieder in diesen Diskurs um die großen Fragen unserer Zeit zu holen. Kein Land in Sicht kann dafür ein Anfang sein und ist, jenseits politischer Rückschlüsse, auch für Millenials eine gute Gelegenheit, Youtube anzuschmeißen und eine trotzige Bettina Wegener wiederzuentdecken.

* Zitat von Norbert Bischoff

Michael Kleff & Hans-Eckhardt Wenzel (Hg.): Kein Land in Sicht – Gespräche mit Liedermachern und Kabarettisten der DDR

Ch.-Links-Verlag

Berlin 2019

336 Seiten, 20 Euro

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