Fabian Stiepert | Drucken01.05.2015 

Ode an den Tastengott

Am 8. Mai wird Keith Jarrett 70 Jahre alt. Almanach-Autor Fabian Stiepert verneigt sich und empfiehlt die Lektüre der Jarrett-Biographie von Wolfgang Sandner

Ich muss 15 oder 16 Jahre alt gewesen sein, als ich zum ersten Mal The Köln Concert von Keith Jarrett gehört habe. Das war vor ungefähr zehn Jahren und ich hatte gerade damit begonnen, mich mit Jazz näher auseinander zu setzen, war ihm aber noch nicht so hoffnungslos verfallen, wie ich es heute bin. Mit Alben wie Miles Davis’ Kind of Blue oder Diana Kralls Live in Paris tastete ich mich langsam an die Materie heran. Als ich im Internet nach weiteren bedeutenden Jazzeinspielungen suchte, stieß ich auf Jarretts Solo-Piano Einspielung aus dem Jahr 1975. Wie Jarrett sich auf dem schwarz-weißen Cover mit Afrofrisur und im Jeanshemd über die Tasten des Flügels beugte, das wirkte auf den ersten Blick arg spröde-artifiziell und unansprechend. Angesichts stylischer Cover von Blue-Note-Platten oder Herbie Hancocks Head Hunters hatte ich feste Vorstellungen, was die Ästhetik und Aufmachung von Jazzalben anging. Trotzdem habe ich mir das Köln Concert schnellstmöglich besorgt, nachdem ich all die Lobpreisungen durchgelesen hatte, die auch immer wieder auf den Kultstatus dieser Aufnahme verwiesen.

Angehört habe ich es mir dann zum ersten Mal über einen alten Ghettoblaster, der im Bad stand. Ich ließ mir an einem Samstag, es muss im Frühling oder Frühsommer gewesen sein, ein heißes Bad ein und hörte, wie ich gerade nichts ahnend ins Badewasser stieg, die ersten Töne. Erst Jahre später sollte ich herausfinden, dass Jarrett ganz am Anfang einfach nur die Pausenklingel der Kölner Oper nachgespielt hat. Selbst dieses unnütze Wissen raubt dem Auftakt dieser Aufnahme nicht seine Magie.

Damals, wie ich da in meinem jugendlichen Pathos in der Badewanne lag, hatte ich das Gefühl, dass da jemand nur für mich Piano spielt. Meine Altersgenossen hatten dieses Gefühl sicherlich bei ganz anderer Musik. Jazz war nicht gerade hip vor zehn Jahren, aber ich habe mir nie groß darüber Gedanken gemacht, wieso mich Jazz zu dieser Zeit zu interessieren begann, und kann es mir bis heute nicht genau erklären, wieso meine Vorliebe für diese allzu oft für tot erklärte Musik so verhältnismäßig früh aufkeimte und bis heute andauert.

Klar war nur, dass ich mit Jarrett einen Künstler für mich entdeckt habe, der von nun an im Olymp meiner musikalischen Hausgötter wohnen sollte. Prince, Kate Bush, Miles Davis oder D’Angelo sind auch Teil meiner musikalischen Helden- Mannschaft. Aber kein anderes Werk als das von Jarrett wühlt mich so sehr auf und bringt mich so sehr zum Nachdenken. In anderen Worten: Ich bin niemand, der Musik allzu oft mit bestimmten Situationen, Erlebnissen, Momenten und Zeiten in Verbindung bringt. Ich würde mich eher als einen Genusshörer bezeichnen, der stets das hört, wonach ihm ist, aber darüber hinaus nichts konkret unterstreichen möchte. Komischerweise kann ich mich bei Jarretts Musik nahezu detailgetreu an konkrete Situationen erinnern, in denen ich sie gehört habe.

Da war zum Beispiel ein Abend vor rund zwei Jahren, an dem es in meiner Küche einen riesigen Berg an Geschirr abzuspülen galt. Ich war alleine in der Wohnung und da ich ganz gern spüle, nahm ich den Geschirrberg in Angriff und legte Jarretts La Scala auf, sein nahezu komplett improvisiertes Solokonzert in der Mailänder Scala von 1995. Ich erinnere mich, dass ich die Intensität von Jarretts Improvisation im besten Sinne nicht mehr ertrug, wenn ich mich nebenher noch etwas anderem als seiner Musik widmete. Ich schmiss Spüllappen und Bürste ins Wasser, trocknete mir die Hände ab, setzte mich neben die Boxen und hörte mir das Scala-Konzert bis zum Ende an. Ich kenne bis zum heutigen Tag keine andere improvisierte Musik, die mich emotional so berührt wie diese. Nur höchstens alle paar Monate bin ich in der Lage dazu, mir La Scala anzuhören. Nicht, weil die Musik sich so schnell abnutzt, sondern weil sie mich jedes Mal so unermesslich aufwühlt, dass die Welt nach diesen fast achtzig Minuten Klaviermusik für mich eine andere zu sein scheint.

Doch kommen wir zurück zu den harten Fakten. Wer sich intensiver mit dem Werk von Keith Jarrett auseinandersetzt, der wird schnell merken, dass der Begriff bzw. die Genrezuschreibung „Jazz“ diesem Pianisten kaum gerecht wird. Da sind nicht nur die live improvisierten Piano-Solo-Konzerte; es gibt auch mitreißende Aufnahmen im Trio mit Jack DeJohnette am Schlagzeug und Gary Peacock am Bass. Wer einmal den unwiderstehlichen, ewig modernen Groove von God bless the child oder The song is you gehört hat, wird kaum glauben können, dass diese Formation fast nur Standards aus dem Great American Songbook aufgenommen hat. So gehört es zweifelsohne zu den weiteren Lebensleistungen Jarretts, diese altbekannten Standard-Songs zu entstauben und wieder zum unverzichtbaren Liedgut der Jazzkultur zu erklären.

Die Vielseitigkeit und die Virtuosität von Keith Jarrett werden mich voraussichtlich noch Jahre bis Jahrzehnte beschäftigen. Seine Qualitäten als Interpret von klassischer Musik sind mir beispielsweise noch gänzlich unerschlossen. Von daher ist Wolfgang Sandner zu danken, der nun bei Rowohlt Berlin als zweiter Biograph überhaupt weltweit ein biographisches Buch über Jarrett veröffentlicht hat. In Sandners Buch wird das gesamte Werk erklärt und zudem schafft es der ehemalige FAZ-Musikkritiker, so über Musik zu schreiben, dass die im Detail erklärten Stücke Jarretts auch für Leser ohne Kenntnis von Musikfachbegriffen verständlich und wiedererkennbar gemacht werden. Abseits dessen ist und bleibt es aber ein Buch für Fans, eben weil Jarrett ein Eremitenleben in der Provinz, größtenteils frei von Skandalen führt. Die Geldprobleme in den 1980er Jahren und eine längere Erkrankung am chronischen Erschöpfungssyndrom in den 1990er Jahren sind da doch glatt unspannender als die Studiosessions mit dem Produzenten Manfred Eicher, der seit 1971 auf seinem Label ECM bereitwillig alles veröffentlicht, was Jarrett auf dem Markt sehen möchte.

Falls Sie also den Einstieg in den Jarrett- Kosmos suchen, greifen Sie nicht direkt zu Sandners Biographie, sondern kaufen sich erstmal Alben wie Radiance, La Scala, Still Live, Belonging oder The Melody at night, with you. Egal wie man das Pferd auch aufzäumt, so bin ich mir sicher, dass so gut wie jeder etwas in Keith Jarretts Klavierspiel finden kann, was ihn oder sie zutiefst berührt. Man muss nur die Bereitschaft mitbringen, sich der Musik bedingungslos auszuliefern und ihr sehr gut zuzuhören. Wenn man sich richtig Mühe gibt, kann man sogar zu ihr tanzen.

Wolfgang Sandner: Keith Jarrett: Eine Biographie

Rowohlt Berlin

Berlin 2015

368 S., 22,95 €


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