Kathrin Rahmann | Drucken17.03.2018 

Hexenwerk des Erzählens

Ein unsympathischer Protagonist. Ein langweiliger Plot. Ein lesenswerter Roman

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Man muss Marion Poschmann zu diesem Roman gratulieren, weil es ihr gelungen ist, aus Stroh Gold zu machen. Die Kieferninseln hat so gut wie keine Handlung und einen so hochgradig unsympathischen Protagonisten, dass man, bekäme man aus dritter Hand von ihm erzählt, geneigt wäre, dieses Buch auf keinen Fall zu lesen. Gilbert Silvester, seines Zeichens Bartforscher in einem fragwürdigen Drittmittelprojekt, habilitierter Philosoph, der den Sprung auf eine Professur verpasst hat, ein Mensch, der sich über alle Zweifel erhaben dünkt – was lässt sich über diesen Menschen erzählen?

Gilbert Silvester findet sich infolge einer Kurzschlusshandlung, die er selbstverständlich nicht als solche begreift, von einem Tag auf den anderen in Japan. Er verflucht den Tee und den japanischen Verhaltenskodex und bleibt dennoch dort. Zufällig begegnet ihm Yosa, ein Student, der im Begriff ist, sich das Leben zu nehmen. Der vor Überlegenheit strotzende Gilbert nimmt sich des jungen Mannes an, und einige Wochen lang begeben sie sich auf eine ungleiche Entdeckungsreise durch Japan: Yosa auf der Suche nach dem richtigen Ort für seinen Selbstmord, Gilbert, der seinem impulsiven Aufbruch im Nachhinein einen höheren Sinn geben muss, auf den Spuren des Dichters Basho.

Grandios gelingt Poschmann die Gratwanderung zwischen Abgründigkeit und Komik. Man möchte dem stillen Yosa manchmal wissend zuzwinkern, wenn Gilbert seine Hilflosigkeit mit intellektueller Überlegenheit zu kaschieren versucht. Doch obwohl sich Enttäuschung an Enttäuschung reiht, obwohl das Japan Bashos nicht mehr auffindbar ist und die Selbstmordorte, die Yosa aufsucht, das Erhabene vermissen lassen, gelingt Gilbert eine Entwicklung, für die man ihm Respekt zollen muss. Marion Poschmann erweist sich als Meisterin des Subtilen. Nach dem ersten großen Knall, Gilberts Aufbruch nach Japan, vollzieht sich die Handlung in kleinen Bahnen. Nirgends gibt es ein Außenporträt auf Gilbert. Der Leser ist in dessen furchtbarem, aber doch furchtbar faszinierendem, Gedankenkosmos gefangen und hat nur ein Glück, nämlich nicht Gilbert zu sein. Was den Leser durch den Roman trägt, ist eine Stimmung und der winzige Wissensvorsprung, dass Gilbert Silvester kein souveräner Intellektueller, sondern ein akademischer Schlauschnacker auf dem Abstellgleis ist. Dass aus dieser Konstellation eine milde Komik entstehen kann, die niemals ins Zynische kippt, ist beeindruckend.

Marion Poschmann: Die Kieferninseln

Suhrkamp Verlag

Berlin 2017

168 Seiten, 20 Euro


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