Tobias Prüwer | Drucken23.12.2010 

Kleine Comic-Kiste

Eine kleine Auswahl, um die kommenden freien Tage mit spannend-vergnüglichen Bildgeschichten zu überstehen


Schwarz-roter Leitfaden

Comic und Politik schließen sich nicht aus, ganz im Gegenteil. Während nun aber der Verfassungsschutz Nordrhein-Westfalen mit seinem dritten Teil des „Bildungscomic“ Andi vor allem eins macht: sich nämlich lächerlich, zeigt Autor und Zeichner Findus, dass man auch ernsthaft politische Aufklärung im Comic-Format betreiben kann. In eine Alltagssituation an einer Bushaltestelle geworfen, finden sich die LeserInnen von Kleine Geschichte des Anarchismus anfangs mitten hinein ins begriffliche Handgemenge im Bermuda-Dreieck von Chaoten-Anarchisten-Randalierern geworfen. Zwei freundliche junge Menschen helfen aber sofort gern aus diesem heraus. Die beiden – nennen wir sie Abbie und Achill – erklären, dass Anarchismus für Herrschaftsfreiheit steht, aber keineswegs die Absenz jeder Ordnung, nur freiwillig verabredet statt oktroyiert muss diese sein. Sie spannen den Bogen von libertärer Beziehung à la Leo Tolstois Dorfschulengründung und seiner Betonung individueller, freier Bildung bis hin zum israelischen, auf basisdemokratischen Prinzipien beruhenden Kibuzzim. Von der beachtlichen Liste libertärer AutorInnen ist ebenso zu erfahren wie von der Vielfalt anarchistischer Strömungen, die bis zu poststrukturalistischen Positionen reicht. Mit reduziert-realistischen Zeichnungen und klaren Erklärungen wird so in aller Knappheit ein bildreicher Überblick auf den Anarchismus präsentiert, der zusätzlich Literaturempfehlungen für alle jene gibt, die mehr erfahren wollen. Prima ist das Bändchen auch zum Verschenken – damit man die so oft gehörten Fragen nicht immer wieder beantworten muss, sondern mit einem Griff kompetent beantworten kann.

Findus: Kleine Geschichte des Anarchismus. Ein schwarz-roter Leitfaden

Verlag Graswurzelrevolution

Heidelberg 2010, 57 S., 7,80 €


Im Kleinen wie im Großen

„Papa, ich lasse mich beschneiden, wenn du mir diesen Goldorak kaufst.“ Ein Plastik-Roboter soll den kleinen Riad für den schweren Schritt belohnen, seine Vorhaut zu lassen. In der autobiografischen Bildgeschichte Meine Beschneidung reiht der französische Comiczeichner Rias Sattouf Szenen seines Aufwachsens aneinander. Sein achtjähriger Protagonist ist in den syrischen Alltag auf dem Land geworfen. Unter den anderen Jungen ist bald sein unbeschnittener Penis Thema, sie wollen ihn nicht als vollwertigen Cimmerier-Krieger ansehen – die Clique identifiziert sich mit „Conan der Barbar“. Er sei ein Israeli, heißt es, und eine größere Beleidigung ist für Riad nicht vorstellbar. „Die Israelis waren die schlimmsten Feinde der Cimmerier: In der Schule brachte man uns bei, dass sie ihre Gegner aussaugten und mit ihrer Mutter schliefen.“ Dabei hat Riad gar keine Lust, sich der Tradition zu fügen, um ein Mann zu werden. Alles Bangen und Rausreden hilft aber nichts.

Mit seinem wachen Blick für den die Gesellschaft durchdringenden Antisemitismus, partriarchale Strukturen und das dogmatische Pochen auf Riten ist der Comic mehr als eine Coming-of-Age-Geschichte. Sattouf gelingt ein humorvoll-kritischer Blick in das Erwachsenwerden im Mittleren Osten. Meine Beschneidung ist ein kleiner Spiegel großer Konflikte und die persönliche Auseinandersetzung mit dem Ritual um „Das da unten“.

Rias Sattouf: Meine Beschneidung

Reprodukt – Berlin 2010

1110 S. – 14 €

www.reprodukt.com

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Comic und Weltliteratur

Klassiker sind eben nicht totzukriegen. In so geraffter Weise lässt sich das derzeitige kleine Tim und Struppi-Revival auf den Punkt bringen. Bei Arte ist kürzlich die fünfteilige Dokumentarfilmreihe Auf Reisen mit Tim und Struppi gelaufen. In leider etwas bräsigem Ton, aber mit tollen Animationen, zeichnet sie einige Stationen des Comic-Duos aus der Feder von Hergé nach. Mit „Der Blaue Lotos“ ging es nach China, „Die Krabbe mit den Goldenen Scheren“ führte den belgischen Reporter mit der Haartolle und seinen Hund nach Marokko und „Tim in Tibet“ widmete sich Nepal. Nun ist ein Sachbuch erschienen, in dem der Hintergrund der Geschichten beleuchtet wird. Mit Tim & Struppi und das Geheimnis der Literatur taucht der Literaturkritiker Tom McCarthy in das Universum der in klaren Linien gehaltenen, aber haarsträubenden Abenteuer hinab. Er argumentiert kenntnisreich und mit vielen biografischen Details, wie Bezügen zur Weltliteratur, dass Hergés Werk nichts anderes als diese darstellt. Dass selbst noch die kleinsten Nebenfiguren wahre Charaktere statt blasse Statisten sind, zeigt McCarthy ebenso wie er die zahlreichen Anspielungen und Zitate aus der Literatur vor Augen führt. Und er verdeutlicht, dass der o‑förmige Titelheld mit den Stecknadelaugen in seiner minimalistischen Darstellung letztlich ein Jedermann ist – was vielleicht genau deshalb das Geheimnis seiner Popularität ausmacht.

Tom McCarthy: Tim & Struppi und das Geheimnis der Literatur

Blumenbar – Berlin 2010

256 S. – 18,90 €

www.blumenbar.de

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