Holger Leisering | Drucken06.04.2018 

Entleerte Ethik

Der dystopische Spiegel, den Juli Zeh dem Leser von „Leere Herzen“ hinhält, ist auch ein Zerrspiegel

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Britta, die Protagonistin von Leere Herzen, betreibt eine wirtschaftlich äußerst lukrative Agentur zur Vermittlung von Selbstmordattentätern. Als sie ihren Mitstreiter Babak im Park kennenlernt, wird eine kranke Idee geboren. Der junge und schwule Muslim Babak ist zu dieser Zeit am Nullpunkt: „Keine Perspektive, keine Identität, kein Geld und nichts zu ficken“, stellt Britta fest und fährt fort: „Alles bloß Ego-Kram. Kein triftiger Grund dabei, den Abgang zu machen.“ Sie rettet Babak, der ein kompetenter Mitarbeiter ihrer Firma wird und aus Dankbarkeit nahezu hündisch ergeben ist. So vermitteln sie Selbstmordkandidaten für ein schickes, medientaugliches Attentat. Prüfen allerdings lange und mit großer Gewissenhaftigkeit. Viele werden von ihrer Sehnsucht nach dem Tod und damit auch von dem Begehren nach Selbstmord und der Tötung Unbeteiligter geheilt, andere halten die Eignungstests nicht durch, einige aber bleiben übrig, wenige sind dann für die spektakuläre Aktion erwählt.

Hier formt sich die für eine mitteleuropäisch geprägte Leserschaft fragwürdige Moral, Britta formuliert es im Roman so: „So ein Selbstmord gibt dir unglaubliche Macht. Du kannst Dinge tun, für die du nicht mehr bestraft werden wirst. Für eine kurze Zeitspanne kannst du sein, wer du willst, und machen, was dir gefällt. Du bist der König der Welt. Die gefährlichste Waffe, die es gibt.“ Wie zur unentschlossenen Entlastung der Protagonistin steht im Buch danach der Satz: „Tatsächlich wusste Britta selbst nicht genau, was sie da redete und warum.“ Auch Babak protestiert noch. Dennoch setzen sie genau diese Maschinerie in Bewegung, entwickelt Babak einen Algorithmus, der die Sache auf wissenschaftliche Basis stellen soll.

In der Welt des neunzehnten Jahrhunderts hätte man auch meinen können, sie spielen Faust und Famulus Wagner und machen mit dem Teufel einen Vertrag, die Seelen nicht mehr nur altdeutsch zu sammeln, sondern vielmehr zu weiterem Begehr zu verwenden. Keine Rede davon, dass man nicht König der Welt sein muss, nur mit sich im Reinen, wie es im Lied der Gruppe Karat einmal hieß. Wie viele Ähnlichkeiten mit real existierenden gesellschaftlichen Vorgängen gewollt sind, wird uns klar, wenn die BBB, die Besorgte-Bürger-Bewegung, das Land regiert oder die Innenministerin Wagenknecht heißt.

Was macht den Roman dennoch lesenswert? In angenehmerem Lesegefühl befinden wir uns, wenn Britta von ihrer Freundschaft zu Janina berichtet, von ihren Ausflügen aufs Land, da liegt die Welt der Fiktion unserer sehr nahe. „Schwungvoll steigt Britta aus dem VW-Bus, während Richard Seitentür und Heckklappe aufgleiten lässt …“

Sie leben in Braunschweig, das sich mittelgroß und pragmatisch zeigt, und müssen lange zum verfallenen Bauernhaus fahren, das Janina mithilfe der Freundin erwerben wird. Idylle nicht unähnlich jener der grün angehauchten Spontis unserer 80er Jahre, die aufs Land mussten, um „in“ zu sein. Im Picknick-Korb sind unter anderem Hähnchenschenkel. Angesichts solcher Zufriedenheit muss nach den Gesetzen der Dramatik bald der Schatten des Bösen auf den glücklichen Ausflug fallen. Guido Hatz betritt, ach nein, braust in die heile Welt von Britta, Janina und ihren Kindern, und als müde Zugabe gibt es noch die eher wie Beiwerk wirkenden Männer, die Partner Richard und Knut. So entwickelt sich alles fort bis zu Entführung von Hatz und einem Aufstand, der dann doch nicht stattfindet, weil er unehrlich gewesen wäre.

Angela Merkel wird also nach der Wahlniederlage doch nicht wieder ins Amt geputscht, nicht mal im Roman. Niedlich singt im Autoradio ein zwölfjähriges Mädchen einen viel gehörten Ohrwurm über den Charme suizidaler Welt. Der Roman bietet uns eine Welt leerer Herzen, besser gesagt eine seltsam entleerte Ethik, die sich am Pragmatischen orientiert, und kommt über uns in der Pose von Science-Fiction, um uns eine Gegenwart zu konstruieren, die frösteln lässt.

Autorin Juli Zeh wurde 1974 in Bonn geboren, studierte im Saarland Jura und in Leipzig Literatur. Sie dürfte dem Publikum hinreichend bekannt sein, beispielsweise durch ihre Romane Adler und Engel (2001) oder Unterleuten (2016). Ihr Werdegang ist von Preisen und medialer Aufmerksamkeit begleitet, sie erhielt u. a. den Caroline-Schlegel-Preis (2000), den Deutschen Bücherpreis (2002) oder den Carl-Amery-Literaturpreis. Auch als Verfasserin von Theaterstücken, Hörspielen und Kurzgeschichten ist sie erfolgreich und Autorin auf der Höhe ihrer Zeit.

Juli Zeh hält, auch wenn sie dies bestreiten würde, in guter alter Tradition dem Publikum einen Spiegel vor. Allerdings einen groben Zerrspiegel, könnte man meinen. Dieser Roman enthält einen Virus der überhöhten Interpretation, der seine Opfer sucht und so auch den Rezensenten zu infizieren mag. So stellt sich die Frage: Konnte die Autorin nicht schreiben wie eine Ur-Enkelin Fontanes, so wie es (fast) alle vor ihr getan haben?

Soll ich loben oder tadeln? Helfen Sie mir bitte, lesen Sie selbst!

Juli Zeh: Leere Herzen

Luchterhand

München 2017

352 Seiten; 20 Euro


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