Teresa Merfert | Drucken31.03.2016 

Mit Büchern gewinnen und über Bücher reden

Guntram Vesper gewinnt den Preis der Leipziger Buchmesse im Bereich Belletristik – und Autor Daniel Goetsch stellt seinen „Ein Niemand“

Die Preisträger des Preises der Leipziger Buchmesse: Jürgen Goldstein (links), Brigitte Döbert und Guntram Vesper. (Foto: Leipziger Messe, Uli Koch)

Der Gewinner des mit 15.000 Euro dotierten Preises der Leipziger Buchmesse 2016 ist Guntram Vesper mit seinem Epos Frohburg. Guntram Vesper ist in Frohburg 1941 geboren und lebt in Göttingen. In seiner Geburtsstadt – einer Kleinstadt südlich von Leipzig – beginnt sein Roman.

Frohburg erzählt vom Leben Vespers und bettet dieses in die Geschichte Deutschlands. Zwischen Krieg, DDR und Flucht in die alten Bundesländer erzählt er erlebten Alltag. Die Besonderheiten sind laut Jury die Sätze des Romans, die Geschichte und Leben miteinander verknüpfen. Der Leser wird regelrecht durch die Geschehnisse getragen, sogar am Verknüpfer vorbei. Vespers Protagonisten werden nicht wie so oft in ähnlichen Romanen zu Alltagshelden, sondern das Buch ist ganz einfach bis obenhin voll mit Leben.

In der Kategorie Sachbuch wurde Jürgen Goldstein mit seinem Buch Georg Forster – Zwischen Freiheit und Naturgewalt geehrt und in der Kategorie Übersetzung Brigitte Döbert mit der serbischen Übersetzung von Die Tutoren von Bora Ćosić.

Leipzig liest – Über Bücher reden

Dieses Jahr feierte Leipzig Liest sein 25. Jubiläum. Unzählige Lesungen, Lesungen mit Gespräch oder auch Musik finden in der gesamten Stadt Leipzig statt. Eine dieser Lesungen mit Gespräch war am Buchmesse-Freitag in der Kunsthalle der Sparkasse zu erleben. Der Schweizer Autor Daniel Goetsch, der in Berlin lebt und sich vor allem mit französischer Literatur verbunden fühlt, trat vor ein leider wenig besetztes Publikum. Dabei wurde die Buchpremiere seines Romans Ein Niemand Ende Februar in der Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz in Berlin sogar vom ehemaligen Fraktionsvorsitzenden der Linken Gregor Gysi moderiert.

In Leipzig war es Tino Dallmann von MDR Figaro, der durch den Abend führte. Die Räumlichkeiten erwiesen sich für die Veranstaltung als nicht gut geeignet, da sie die Stimmen von Moderator wie Autor wiederechoten, sodass leider vor allem der Moderator nicht immer gut zu verstehen war. Daniel Goetsch hat jedoch schon mehrere Hörbücher gesprochen und konnte durch seine Erfahrungen auch so brillieren.

Doch nun zu seinem Roman. Es wird die Geschichte von einem Berliner Übersetzer erzählt, der durch einen Zufall in die Rolle eines Rumänen schlüpft. Dieser hat einen Unfall mit einem LKW und verstirbt vor den Augen von Tom Kulisch. Die Ähnlichkeit des Berliners mit dem Toten versetzt Kulisch in einen derartigen Schockzustand, dass er so lange auf den Leichnam stiert, bis Krankenwagen kommen und er als Angehöriger angesehen wird. Ihm werden die Sachen des Toten überreicht, worin er u.a. einen rumänischen Pass findet. Tom entschließt sich kurzerhand zum rumänischen Ion zu werden, da ihm sein Leben eh nichts mehr wert erscheint. Er fährt nach Prag in die Altstadtwohnung von Ion, schlüpft in die Identität des Rumänen und verliert dabei seine eigene.

Der Roman ist keineswegs eine einfache Erzählung von einem Mann, der die Identität eines anderen annimmt und dann versucht, wieder zu seinem eigenem Leben zurück zu gelangen. Es ist vor allem eine Erzählung von einem Mann, der zum Niemand wird, versteckt hinter der Maske des rumänischen Ion sitzt und die anderen beobachtet. Daniel Goetsch betonte im Gespräch zur Buchmesse vor allem, dass der Niemand dabei positiv konnotiert wird. Es ist eben kein Mann, der sozusagen zu Jedermann wird, sondern der zum Niemand wird. Tom Kulisch befreit sich von sich selbst und seinem Leben. Er setzt die Maske des Ion auf und alle Verantwortung geht an Ion. Tom Kulisch verschwindet und später, als er versucht wieder zu einer Identität zurückzugelangen, kommt er nicht mehr heraus aus dem „Niemandsland“. Dies ist im Prinzip die Arbeit eines jeden Schriftstellers, wie Daniel Goetsch im Gespräch in der Kunsthalle sagte: Die Schriftsteller nehmen sich selbst zurück und werden zum Niemand, um zu den Figuren ihrer Erzählungen zu werden.

Das Buch Ein Niemand ist nach dieser Lesung auf alle Fälle weiterzuempfehlen. Die kurzen Ausschnitte des Buches haben sowohl im Schreibstil als auch inhaltlich gefallen. Der Roman weist einige Parallelen zu Max Frisch Stiller auf, nur in umgekehrter Form. Tom Kulisch möchte wieder zu Tom Kulisch werden und Anatol Ludwig Stiller behauptet steif und fest, nicht Stiller zu sein. Ein Vergleich dieser beiden Bücher ist ein Projekt für die Zukunft!

Guntram Vesper: Frohburg

Schöffling & Co. Verlag

Frankfurt/Main: 2016

1.008 S. – 34,00 Euro


Jürgen Goldstein: Georg Forster – Zwischen Freiheit und Naturgewalt

Matthes & Seitz

Berlin: 2016

301 S. – 24,90 Euro


Bora Ćosić: Die Tutoren

Übersetzung: Brigitte Döbert

Schöffling & Co.

Frankfurt/Main: 2016

792 S. – 39,95 Euro


Daniel Goetsch: Ein Niemand

Klett Cotta

Stuttgart: 2016

222 S. – 18, 95 Euro


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