Marcus Wendt | Drucken31.03.2016 

Ironische Ironie und echtes Unglück auf dem Sofa

Ein Rundgang über die Leipziger Buchmesse

BU: Impression Glashalle der Leipziger Buchmesse. Foto: Leipziger Messe GmbH/Uli Koch

Mein erstes Jahr auf der Buchmesse, als akkreditierter Journalist. Gut fühlt sich das an, wenn da freier Journalist auf dem mit Plastik ummantelten Zettelchen steht – Freifahrtschein fürs Unangenehmsein. Alle zahlenden Messebesucher blicken respektvoll auf das frei im Journalisten, die Kollegen hingegen eher mitleidig – frei bedeutet ja nicht mehr als entweder Blogger oder konsequent arbeitssuchend. Beides trifft auf mich zu. Aber: Ausgesprochen wichtig war der Moment, als der Freie durch die Journalistenschleuse geschleust wurde. Danach hat sich der Status allerdings eingeebnet, und zwar in die Allgegenwärtigkeit einer Literaturpresse.

Ohne mich großartig über Lesungen, Interviews oder Verlage informiert zu haben, stand ich vor jeder Zeittafel und bastelte mir meinen Tagesplan zusammen. Letztlich, das kann ich schon zugeben, habe ich nicht sehr viel besucht – ich war schlicht zu faul oder zu verplant. Was ich aber mitgenommen habe, waren einige Interviews der im Vorhinein protegierten Schorsch Kamerun, Ronja von Rönne und (zu meinem ganz persönlichen Leidwesen) Sarah Kuttner – Heinz Strunk war (leider) nicht anzutreffen. Die ersten beiden wollte ich aus tatsächlichem Interesse sehen.

Schorsch, weil er schon eine Art Held der Jugend, des Punk und der Dagegen-Kultur war und mittlerweile auch als Gallionsfigur der Bausparersektion mit Restattitüde selbiger dasteht. Seinen Roman Die Jugend ist die beste Zeit des Lebens besorgte ich mir bei der Gelegenheit auch gleich. Sieht gut aus im Regal, fühlt sich an, wie damals, als Torsun von Egotronic sein Buch rausbrachte und man sich unbedingt mit dieser Kunstfigur identifizieren wollte. Mit Schorsch ist es aber letztlich was anderes: Der schreibt zwar auch wieder irgendeinen Roman über Jugend und Punk und Rührseligkeit im eigenen (Drogen-)Sumpf, aber er macht daraus kein autobiographisches Klischee. Was mich zum Interview bringt.

Hier wird des Öfteren verwechselt, dass es dabei vordergründig um den Gehalt und erst in zweiter Linie um den Inhalt des Buches geht. Nichtsdestoweniger hat sich Schorsch wie erwartet ganz gut geschlagen, auch wenn ich es ihm übelnehme, erst über Adornos Aporie der Kulturindustrie (ist mir fast zuwider, das wiederzukäuen: „Es gibt nichts Richtiges im Falschen“) zu sprechen, sich dann aber hinzusetzen und dem maroden (rüstigen) ZDF-Publikum noch einen Mitsing-Song zu pfeifen. Ob das jetzt konsequent oder authentisch (im Falschen) ist, sei dahingestellt, angewidert war ich trotzdem, auch weil der Song Scheiße war.

Die nachfolgende Pause wurde genutzt, um über die Messe zu schlendern und Bücher einzusacken. Dabei halte ich mich eigentlich am liebsten bei den kleinen, linken Verlagen auf. Nicht dass die viele Bücher rausgeben, aber da kann man mal schnacken und es gibt auch Kaffee für lau. An der Stelle kann ich, für Liebhaber, die Neuveröffentlichungen des LAIKA-Verlags empfehlen, darunter Neu- und Erstübersetzungen Rancières und Žižek noch und nöcher, und natürlich den Verbrecher-Verlag mit tagesaktuellen Büchern über PEGIDA und die neue Rechte: Vorsicht Volk!.

Verblüfft musste ich feststellen, dass dieses Jahr wieder der Compact-Stand einen Platz bekommen hat und tatsächlich größer geworden ist. Direkt neben all den linken Verlagen klotzt dieser fiese Kubus heraus, natürlich umstellt von Sicherheitspersonal. Endlich mal Zeit, den investigativen Journalisten zu proben. Wie sich herausstellt, leistet sich Compact das Personal mit Schlips und Ohrstecker noch selbst, aus Gründen der Sicherheit. Mehr Fragen sind dann auch nicht so recht gewollt. Avanti.

Danach: Kuttner. Ich muss ja zugeben, dass ich mir schon das eine oder andere Mal ihre Show angesehen habe und geschmunzelt habe ich ja auch schon mal. Aber die Sache mit dem Roman schreiben: Bücher, die mit dem Titel schon die Dürftigkeit des Inhalts vorwegnehmen (Mängelexemplar) lohnen doch den Aufwand nicht (weder den des Lesens noch den des Schreibens). Mit dem Gedanken, dass sie jetzt auch noch ein zweites Buch veröffentlicht – als ob ihre Darstellung mittelmäßiger twentysomething-Probleme nicht schon mit Ach und Krach ein einziges Buch füllen konnten –, schleppte ich mich zum Interview über ihr neues Buch 180° Meer. Zu meiner fortlaufenden Ernüchterung musste ich feststellen, dass Max Moor das Interview führen sollte. Gute Güte. Als ob nicht schon genug Unterhaltungsfernsehmoderatoren über Bücher sprechen würden, wenn Kuttner einen Monolog halten dürfte. Munter begann Herr Moor dann auch mit ein paar Frauenwitzen. Zum Totlachen diese komplizierten, an Nervenzusammenbrüchen leidenden Frauenfiguren mit Zügen pathogener Depression. Die hat er am liebsten, der Moor. Obwohl ich Kuttner verüble, den sowieso schon mit Müll übersättigten Büchermarkt mit ihren selbstgerechten Generation X-Y-Problembüchern zu befüttern, hat sie das echt nicht verdient (Max Moor hat mich da auch auf eine nette Lösung des Dilemmas gebracht: er liest Kuttner-Bücher für sein Leben gerne, warum also schreibt Kuttner nicht demnächst ausschließlich für ihn? Ich wäre glücklich). Dafür ist sie als Person zu lässig. Schlussendlich will Max Moor nicht der Klischeeheini sein (Überraschung: Ist er trotzdem) und Kuttner weiter über das Unglücklichsein schreiben (wegen der Kindheit). Ich hingegen sehe das Ende gekommen, als Kuttner endlich sagt: „Gibt viele Bücher über komplizierte Menschen“ – das scheint mir ein passendes Stichwort zu sein (Schluss – Aus – Ende).

Von da treibt es mich zur nächsten Autorin, die über die schmachtende Seele adoleszenter Problemillusionen zu schreiben wagt. Die Rede ist von Ronja von Rönne (deren Name sich wohl weder von einem Kieler Stadtteil, einer dänischen Inselstadt, noch – was mir orthographisch besser gefallen würde – von der Rönne (Alster) ableiten lässt) –, ihres Zeichens Autorin bei der Welt, Bloggerin und neuerdings auch Schriftstellerin, zuletzt rundum medial wieder- und wiedergekäut (geshitstormt) dank ihres provozierenden (provokant war er leider nicht) Artikels über den aneckelnden Feminismus. Durch ihren irgendwie nonchalanten Umgang mit dem ganzen Aufruhr war ich einigermaßen gespannt auf die Vorstellung ihres Buches. Ihr Roman Wir kommen, der erst einmal nach Deutschpopsong klingt, wurde außerdem durchweg durchwachsen aufgenommen.

Auf dem Weg zum Interview griff ich mir noch schnell ein Exemplar und blätterte mal lose darin herum (die Methode, vom ersten Satz auf das ganze Werk zu abstrahieren, fand ich schon immer ziemlich kindisch). Etwas zu spät angekommen beim blauen Sofa musste ich feststellen, dass das (sitz-)fleischgewordene ZDF-Publikum sich immer noch nicht von der Stelle bewegt und sich sogar vermehrt hatte. Um einen authentischen Eindruck von Frau Rönnes Augenringen zu bekommen, war Ellenbogenarbeit angesagt. Nahe genug, um aus der Übertragung rausgeschnitten werden zu müssen, lauschte ich den kontrastreichen Lippen (Schranke) Ronja von Rönnes. Da gings dann wieder viel um jungsein und leiden und – Überraschung – die autobiographischen Aspekte. Mir fehlt, ehrlich gesagt, echt der Autor oder die Autorin, die endlich mal dem Interviewpartner klipp und klar verklickert, dass sie sich die Frage nach dem autobiographischen Anteil eines (Jugend-)Romans, der nicht als Biographie (verlegt ja keiner Mitte Zwanzig) ausgeschrieben ist, sparen können. Stattdessen könnte so viel über Inhalt gesprochen werden. Wahrscheinlich will sich aber auch nur niemand in die Verlegenheit bringen, über die Leere im eigenen Buch zu sprechen. Und da wären wir auch schon mitten im Roman angekommen: kein Thema, keine Gefahr, kein Problem; nur nette Sätze (ironische Ironie – sogar zynischer Zynismus) werden da montiert. Einzig von Rönnes selbstgerechte Beichte über die eigenen Faulheit gefällt mir außerordentlich: das Teil ist nur deshalb im Tagebuchstil verschriftlicht, weil die Autorin schlicht zu faul für eine komplizierte Form (wie zum Beispiel Blogeinträge oder Tweets) war. Sonst darf ich das von vielen Seiten getroffene Urteil einer gewissen Koketterie (FAZ) bestätigen. Aber keine blasierte Kokette, dafür fehlt die Schärfe. Zum Ende schmunzelt das Publikum noch über einen journalistischen Fauxpas sondergleichen: Tobias Schlegl befragt die Zuschauer nach ihrem Empfinden zum Roman, schließlich sind wir auf einer Buchmesse, die Leute müssen Ahnung oder wenigstens Geschmack und, wenn selbst das fehlt, eine Meinung haben. er sucht sich von Rönnes Steuerberater raus – der findets aber gut. So kann man der Buchmesse zumindest keine Selbstreferenzialität nachsagen, höchstens Vetternwirtschaft. Das scheint jetzt genug, denke ich, gehe durch die Messehallen und kann endlich das tun, weswegen ich überhaupt hier bin: ab zur Antiquariatsmesse und mich mit lesenswerten Büchern eindecken.

Leipziger Buchmesse

17. bis 20. März 2016


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