| Drucken20.12.2003 

Lesung mit Wladimir Kaminer, danach Russendisko (Friederike Haupt)

20.12.2003, Schaubühne Lindenfels
Lesung mit Wladimir Kaminer, danach Russendisko


Russendisko on tour
Wladimir Kaminer und sein DJ bringen Moskau nach Leipzig

Nach seiner Lesung ist Wladimir Kaminer richtig glücklich: ?Schon drei- oder viermal hab ich in der Schaubühne gelesen, und heute war das erste Mal, dass nichts schiefgegangen ist!? Das ist wahr und natürlich viel wert, gerade jetzt, so kurz vor Weihnachten. Wie der Schriftsteller das Publikum am Anfang des Abends wissen lässt, ist er nämlich ?innerlich friedlich gestimmt? und somit nicht in der Laune für außerplanmäßige Ereignisse. So verhehlt er zum Schluss auch nicht seine Freude darüber, dass die Zuschauer von seinem Angebot, ihm doch Fragen zu stellen oder sich bestimmte Texte zu wünschen, keinen Gebrauch machen ? ?Glauben Sie mir, ich weiß das zu schätzen; besonders jetzt vor Weihnachten, wo man ja keine Lust mehr hat.?

Von Lustlosigkeit war insgesamt jedoch nicht viel zu merken, was auch daran liegen mag, dass das Publikum, übrigens in so überwältigender Menge erschienen, dass trotz Stehplatzkartenverkaufs vielen der Eintritt wegen Überfüllung verwehrt werden musste, nicht viel zum Glücklichsein brauchte. Allein schon Kaminers russischer Akzent, sein verzweifeltes Augenrollen bei entsprechenden Textstellen und natürlich die schon während der Lesung zwischen den einzelnen Texten eingespielte russische Popmusik mussten den Abend zu einem gelungenen machen. Nach anderthalb Stunden Lesevergnügen und einer kurzen Umräumpause konnte dann die wahre Russendisko, von Kaminer erfunden und im Berliner Café Burger etabliert, beginnen ? Ska, Punk, Rock und Indiepop direkt aus den Moskauer Clubs.
Doch was macht eigentlich Kaminers Texte so beliebt, dass sie schon binnen kürzester Zeit zum Kult avancierten und auf der diesjährigen Frankfurter Buchmesse ihren Verfasser zu einem der am meisten von Journalisten belagerten Autoren machten? Sicher, der lakonische Tonfall, die skurrilen Beobachtungen und der (selbst-)ironische Humor bereiten dem Leser vergnügliche Stunden mit Büchern wie Mein deutsches Dschungelbuch, Militärmusik, Schönhauser Allee oder eben Russendisko. Was aber die in der Lesung vorgetragenen Texte, alle neueren Datums oder nach Auskunft des Autors sogar erst am Vortag vollendet, prägt und so besonders macht, ist der Vergleich zwischen russischer und deutscher Lebensführung. Ob es um's Verhältnis zum Wintersport geht (während die Deutschen z.B. beim Schlittschuhlaufen Wert auf Abstand und eine einheitliche Laufrichtung legten, bemühten sich die Russen nach Kräften um Crash und ein größtmögliches Durcheinander), die Ansprüche der Kinder an ihr Spielzeug (?Die Kinder hier gehen, wenn sie Krieg spielen wollen, erstmal in ihre Waffenkammer und suchen sich aus, womit sie den Feind bekämpfen wollen; wir hatten früher nur einen Nazibauklotz, der gegen einen Rotarmistbauklotz kämpfte und immer verlor.?) oder um Sibirien (?Die deutschen Touristen laufen durch Sibirien, als hätten sie noch nicht gemerkt, dass Stalingrad zu Ende ist; sie suchen anscheinend immer noch nach einem Ausweg aus dem Kessel. Die einheimischen Russen erschrecken sie dann gern mal mit einem ?Hände hoch!'?): Immer wird das, was Kaminer für typisch deutsch erklärt, ein wenig auf die Schippe genommen, dabei aber nie ausgelacht, sondern schmunzelnd zur Kenntnis genommen.
Dem Leipziger Publikum gefällt's, und als Wladimir Kaminer sich zum Schluss sogar noch zu einem kleinen Rap hinreißen lässt, ist man sich sicher, dass die anschließende Russendisko bestimmt nicht mit schlechter Stimmung zu kämpfen haben wird. Und so kann der Schriftsteller nun guten Gewissens seine Weihnachtsferien genießen.

(Friederike Haupt)

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