Grit Kalies | Drucken08.01.2003 

Neues im deutschen Gegenwartstheater
Die ehemalige Chefddramaturgin am Schauspiel Leipzig Dagmar Borrmann liest aus ihrem Essay "Mutmaßungen über ein Paradoxon"

Theater, Theater. Der Vorhang geht auf. Dann wird die Bühne zur Welt... Oder die Welt zur Bühne. Beide Vorgänge sind alltäglich. Wenn die Lesung von Dagmar Borrmann im Kreuzer mit: Neues im deutschen Gegenwartstheater angekündigt wurde, so kann Gegenwartstheater sicherlich auch als Metapher für die heutige Gesellschaft verstanden werden. In ihrem Vortrag ging es um beiderlei: um Bühnenwelt und Weltbühne, um die Vermischung von Realität und Fiktion. Sollte es besser heißen: Verwischung?

Die Gastdozentin am Literaturinstitut und ehemalige Chefdramaturgin am Leipziger Schauspielhaus las vor etwa dreißig Zuhörern. Mit dem Ziel einer perfekten Show dramatisiere sich Realität. Im Zuge monatelanger Kriegsvorbereitung, auf Parteitagen, in der Werbung usw. ließen sich sogar Merkmale der geschlossenen Dramenform nach Aristoteles finden: ein zugespitztes Gegeneinander von Kontrahenten, scharf umrissene Konflikte, polarisiertes Gut und Böse, überschaubare Handlungsmuster. Die Realität entwickle einen Sinn für Theatralik und versetze sich selbst immer mehr mit inszenierter Fiktionalität. Dagegen strebe das Theater von heute nach Authentizität, nach Realität. Oft sei der natürlich wirkende Gestus das Ideale, und das eigentlich Spezifische am Theater, das Künstliche, werde vermieden. Paradox: Während sich die Realität inszeniere und dramatisiere, entdramatisiere sich das Theater.

Es gebe eine Fülle von neuen Erzählperspektiven auf der Bühne. Schauspieler seien von Rollenparadigmen befreit und die Stücke von Handlungslogik und finaler Lösung. Doch liege darin eine Gefahr. Wenn Konflikte häufig vermieden oder in die Figuren hineinverlegt würden (Monolog), wenn sich Stücke oft nur noch als Materialsammlungen und Reflexionen ohne Verdichtung darstellten, wenn in abstrakter kluger Reflexion die Vielfältigkeit der Welt hinterfragt werde, wenn die Schauspieler zu Schausprechern würden, wenn darauf verzichtet werde, gewünschte Wirkungen punktgenau hervorzurufen, wenn immer alles geboten werde und der Mut zu einer (einer einzigen) Perspektive verloren ginge, sei Beliebigkeit nicht fern. "Wo alles möglich ist, ist auch nichts zwingend", sagt sie. Zuspitzung sei wichtig. Und es sei doch gerade eine Stärke des Theaters, selbst von den kompliziertesten Dingen naive Abbilder schaffen zu können.

Eine lebendige Diskussion über Medienkonkurrenz und Möglichkeiten des Theaters, etwas zu leisten, was das Fernsehen nicht leistet, schloß sich an. Nein, melancholisch sei sie nicht, sagte Frau Borrmann, auch nicht unzufrieden. Doch befinde sich das moderne Theater vielleicht in einer Sackgasse. Eine schwächliche Dramatik mit Aussparung des Konflikts liefere kein Reibungspotential. Wesentlich sei, die Scheu vor der Entscheidung zu überwinden: "Diese Geschichte erzähle ich, und ich weiß, daß ich damit nicht die Welt erzähle."
Lesung von Dr. Dagmar Borrmann aus ihrem Essay Mutmaßungen über ein Paradoxon
08.01.2003, Deutsches Literaturinstitut Leipzig

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