Karl Kalkbrenner | Drucken02.07.2002 

Hesse endlos

Nicht jeder konnte der Lesung von hiesigen Schriftstellern zum 125. Geburtstag von Hermann Hesses beiwohnen

Es wird kein Ende nehmen, das ist völlig klar. Als der Verband Deutscher Schriftsteller und die Moritzbastei Anfang Juni eine Lesung mit hiesigen Schriftstellern zum 125. Geburtstag Hermann Hesses veranstalteten, blieben 60 Besucher draußen vor der Tür, weil die Veranstaltungstonne der MB restlos überfüllt war. So wiederholte man die Lesung nun am 2. Juli mit dem Ergebnis, dass 30 Leute nicht mehr hineinkamen. Moderatorin Regine Möbius kündigte deshalb eine dritte Lesung an, und was das heißt, kann sich jeder denken, der die Zenon'schen Beweise studiert hat. Es werden 15 Menschen draußen bleiben etc. etc.

Der Andrang hängt sicher mit der Beliebtheit Hesses in der DDR zusammen. Warum er dort zum Mythos wurde, erklärte Thomas Böhme: Erstens war Hesse in den Buchläden stets vergriffen, zweitens wurde er in der Schule nicht gelesen. Dabei sei Hesse gar nicht gefährlich. Böhme ließ sich gar zum Vergleich mit Heinz Rühmann hinreißen, denn beide seien das ?Sinnbild des Guten? in der deutschen Kunst des 20. Jahrhunderts, beide könnten niemals in die Rolle des Bösewichts schlüpfen, und selbst der ?Steppenwolf? sei doch letztendlich ein ?stubenreines Tier?.

Zum Prinzip der von Regine Möbius und Christoph Kuhn moderierten Lesung (beide stellten die Biographie Hesses vor) gehörte es, dass die jeweiligen Lesenden einen Text von Hesse und einen eigenen Text über Hesse vortrugen. Auf diese Weise entstand eine interessante Reflexionsebene zwischen der Welt Hesses und der Welt von heute.

Böhme las aus dem Essay ?Sprache? von Hesse vor, in dem sich dieser beklagt, dass Dinge wie Dichtung und Musik den Menschen letztendlich am Geldverdienen hindern und dass die Intentionen des Dichters stets durch den ?Kanal der Sprache? gehen müssen, wodurch sie auf einen Bruchteil von maximal 10 % reduziert würden. Böhme konterkarierte die Momente der praktischen Irrelevanz von Kunst-Sprache mit einer mythisierenden Geschichte ?Aus der Spiegelschmiede?. Dort schmieden kluge Menschen aus dem im Überfluss vorhandenen Rohstoff Erde die Elemente Feuer, Wasser und Luft. Und deren Gegenteil. Da sie jedoch den Gegenteilen allen ein und denselben Namen geben, nämlich ?Spiegel?, werden alle Versuche, die Elemente mit ihren Gegenkräften zu besänftigen, zur reinen ?Spiegelfechterei?. Niemand weiß mehr, was was ist, denn frei nach Stefan George (?Kein Ding sei, wo das Wort gebricht?) ist eine Differenzierung von Dingen, die den gleichen Namen tragen, unmöglich. Und so ist das ironische Credo dieser Geschichte, dass ?Qualität eine Sache der Oberfläche? sei, was gerade bei Spiegeln in eklatanter Weise zu beobachten ist.

Dass Hesse keine Literatur schreibt, die man nur auf Inhalt lesen sollte, bewies auch Roland Erb. Der Auszug vom Beginn des ?Steppenwolf?, den er vorlas, verblüffte durch seine poetische und gedankliche Dichte und bewegte sich fernab aller missionarischen Ambitionen, die die Hesserezeption oft bestimmen. Und auch Erbs eigene Erzählung, ?Erinnerungen aus einem Leseland?, lässt die Motive des Haupthelden, sich mit Hesse zu beschäftigen, in relativer Unbestimmtheit. Vielmehr ist sie eine tragikkomische Don Quichottiade eines noch scheinbar naiven Studenten, der sich auf einen aussichtslosen Kampf mit Buchläden und Bibliotheken in der DDR der 60er Jahre einlässt, um auch nur einen Blick in Hesses ?Steppenwolf? zu werfen. Am Ende erringt er einen fragwürdigen Sieg, indem ihm ein italienischer Kommilitone das Büchlein aus Italien zukommen lässt. Allerdings ? auf Italienisch.

Bei den anderen Autoren regierte dann doch eher ein pragmatischer Umgang mit dem Nobelpreisträger. Versuche, seine Kunst im Kontext sozialer oder politischer Verhältnisse zu orten. So etwa bei Ulf Heise, der das Märchen ?Die Stadt? als ?Mythos der Urbanisierung? interpretierte und in einer eigenen, offenbar auch stark autobiographischen Erzählung, ins Verhältnis zur sozialistischen Industrialisierung setzte. Diese wird dem Ich-Erzähler zu einer ?fauligen Plazenta, an der er zu ersticken drohte?. Also auch hier tauchte wieder die Bedeutung Hesses für das Leben in der DDR auf, wenngleich in etwas zu direkter politischer Lesart.

Letztere wurde erst richtig durchbrochen durch die junge Autorin Juli Zeh, die vollmundig angekündigt wurde als eine Schriftstellerin mit ?besonderer Kompetenz in der Einschätzung der Weltverhältnisse?. Hier begnügte sie sich nun mit einer Einschätzung der Leseverhältnisse zu Hesse im Freundeskreis, der allerdings nur aus einer einzigen, natürlich männlichen, Person besteht. Ihre erfrischende Erzählung kündigte sie als Protokoll an, als Protokoll des Ausweichens auf die Gretchenfrage: ?Wie stehst Du zu Hesse?. Und da kam sie denn in geballter Kraft, die brutale Instrumentalisierung der Hesseliteratur. Besagter Freund war nämlich von einer ? natürlich früheren ? Freundin unter Androhung von Liebesentzug zur Hesselektüre gezwungen worden. Und eben jene Freundin rechtfertigte mit Hesse lediglich ihre Seitensprünge, die letztendlich doch zum Ende der Beziehung führten. Und dies noch vor Erreichen der Seite 50 durch den brav Lesenden, weshalb sich der tragische Held des Protokolls auch nicht sicher war, ob überhaupt jemand jemals mehr als 50 Seiten von Hesse gelesen hat und ob überhaupt nach der Seite 50 die Romane noch bedruckte Seiten enthalten.

Zehs originaler Hessebeitrag war ein Dialog zwischen Narziß und Goldmund (S. 43-47), der nun doch von etwas dichterer gedanklicher Konsistenz war, aber dennoch das heutige allgemeine Interesse kaum noch bewegen dürfte. So ändern sich eben die Zeiten. Offen blieb, ob Juli Zeh, die sich danach verabschiedete, weil sie am nächsten Morgen ?zeitig raus muss?, früh aufsteht, um sich tiefer in die philosophischen Dimensionen des Textes von Hesse einzuarbeiten oder unabhängig davon sich weiter den Weltverhältnissen zu widmen.

Beschlossen wurde der Lesemarathon von Constanze John und Steffen Birnbaum. Jene ließ sich von Hesses buddhistisch-religiösen Reflexionen über einen Stein aus ?Siddhartha? zu nicht weniger metaphysischen Erzählungen inspirieren, bei denen nicht immer auszumachen war, inwiefern ihr Tiefsinn nur einer paradoxen Trübung narrativer Zusammenhänge zu verdanken ist. Birnbaum erfreute sich und das Publikum mit einer kabarettistischen Showeinlage, indem er in einem kleineren Text die Elite deutscher Schriftsteller als Geburtstagsgäste bei Hesse antanzen lässt, wobei aus dem ?Who is Who? der deutschen Literatur ein Haufen sächselnder Neurotiker wird. Nun ja, den kleinen Mann freuts gewiss, dass die Großen auch nicht besser gewesen sind als er.

Der ganze Abend war gehüllt in einen Schleier fernöstlicher Stimmung, wofür ein sympathisches Musiker-Duo sorgte. Mit meditativen indischen Klängen bzw. dem, was man sich so darunter vorstellt, teils auf Originalinstrumenten und immer mit viel Witz und Spielfreunde. Und gottlob ohne jede religiöse Missionierungssucht.

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